Danke für Hildes Geschichte (28) -- immer mit dem Verweis auf J. Lear - Dankbar? Wofür?
-
Henning Sußebach hat mich auf die Idee gebracht, meinen Blog zu nutzen und Hildes Geschichte noch einmal Kapitel für Kapitel zu erzählen - ganz im Sinne seiner Überzeugungen, die er mit dem Aufschreiben der Geschichte seiner Urgroßmutter verbindet. Hilde, meine Mutter ist inzwischen auch Urgroßmutter, und ich stelle mir vor, dass sie ihre Hand nicht nur über mich hält, sondern über alle, die aus ihr hervorgegangen sind. Bert Hellinger macht uns noch einmal darauf aufmerksam, dass zu diesem Hervorbringen unter Umständen - und Hilde hat solche Umstände erlebt - auch die schlimmen Gesellen gehören. Aber werden wir beispielsweise dem Vater meiner Schwester tatsächlich gerecht, wenn wir ihn als schlimmen Gesellen sehen. Der Ausschluss, das beharrliche Weigern auch jenen Ahnen zu sehen und anzunehmen, dem meine Mutter, die Mutter meiner Schwester, die Großmutter meines Neffen, meiner Kinder und meiner Nichten und die Urgroßmutter aller Enkel:innen in Hingebung und Liebe begegnete, verhindert dort anzukommen, wo ich mich wähne - als jemand der irgendwann die Augen öffnet, sich noch einmal umblickt, aufsteht und geht - im Einklang mit sich selbst und seiner Geschichte.
Die in Kapitel 27 erwähnten Parallelwelten offenbaren die Logik und den Vollzug des Lebens in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Unvereinbarkeit. Die Vorleistungen, die hier schicksalsmächtig ins 21. Jahrhundert weisen, werden sich in Ursula und Werner manifestieren, ohne dass die beiden - ohne dass die Paralleluniversen - in Berührung miteinander kommen. Die bescheidene Nahtstelle - gewissermaßen die Schnittmenge - der beiden Universen ergibt sich erst beim finalen Besuch Franz Streits in Flammersfeld, der ihn - wie auch immer - zum Bekenntnis veranlasst, dass er ein verheireteter Mann und Familienvater ist.
- Details
Hildes Geschichte - Der Triumph der Lebens
Am selben Tag des 18. März 1942 bestieg Franz in Bad Neuenahr den Zug nach Remagen, bekam spät in der Nacht Anschluss und war am 20. März in der Frühe in Wien, von wo aus er zuerst – wie so häufig – zu seiner Mutter in die Steiermark fuhr. (35) Die Mutter war ihm wichtig und bei allen Entscheidungen von Tragweite holte er sich ihren Rat und Beistand. Er blieb zwei Tage und vertraute sich ihr in Sachen „Ursula“ an. Seine Mutter hatte vor 3 Jahren Bedenken geäußert, als er Gerda, eine Duisburgerin, geheiratet hatte. Aber die Mutter war dem Sohn gegenüber loyal und stellte einmal getroffene Entscheidungen nicht in Frage. Sie war vielmehr der emotionale Rückhalt auch in schwierigsten Situationen; eine Mutter, die still hofft und bangt und die in ihrer Mutterliebe keine Bedingungen und keine Einschränkungen kannte. Gestärkt in seiner Auffassung, nichts übers Knie zu brechen, sondern die Dinge sich entwickeln zu lassen, fuhr Franz am Morgen des 23. März nach Mistelbach, wo er am frühen Nachmittag eintraf. Franz wusste, dass er in Gerda eine gute, loyale Frau hatte. Und genauso wurde er begrüßt, nicht ohne die stereotype Vorhaltung, ob er denn schon wieder die Mutter vorgezogen habe – er hätte doch schon viel früher zu Hause ankommen müssen. „Ja, meine liebe Gerda, ich weiß, dass Du das nie verstehen wirst – du würdest es verstehen, wenn Du eine Mutter hättest, wenn Du jemals eine Mutter gehabt hättest!“Franz hätte sich augenblick lich am liebsten die Zunge abgebissen, hatte er sich doch wieder einmal verleiten lassen, die uneheliche Herkunft Gerdas zu einer Waffe zu machen. Er beeilte sich, seine Gerda in die Arme zu schließen, um sie gleichzeitig mit seinem Siegerlachen wieder einmal - zum wievielten Male – im Fluge zu erobern. Manchmal kam es ihm wie ein Fluch vor, dass er einen solchen Schlag bei Frauen hatte und auch die eigene Frau noch und immer wieder gewinnen konnte. Dann sah er Gert und war zu Hause. Essen, trinken, schlafen in einem weichen, blütenweißen Federbett – es brauchte nicht viel zum Paradies; und eine Frau, eine schöne, stolze Frau, seine Frau – seine Frau, die in Erwartung war, in liebe – und sehnsuchtsvoller Erwartung. Eines musste sie ihrem Franz lassen – in seiner Planung hatte er dieses Mal Herz-Dame und Kreuz-Bube gleichzeitig ins Spiel gebracht. Mit brennender Geduld hatte sie die Ankunft ihres Franz herbeigesehnt und wollte ihm für die kommenden Tage die Frau sein, die er niemals vergessen würde, die er mit ins Feld nehmen würde und deren Hingabe, deren Geruch und Weichheit, deren Begehren und deren Ergebenheit ihm
Nahrung und Sehnsucht für die nächsten Monate sein sollte, bis er wiederkam, stark und gesund und hoffentlich dann für immer. Die ständige Angst und Bedrohung machte die Liebe erst zu diesem vollen, tiefen, unendlichen Schmerz; ein Schmerz, der die Seele aufzehrt, um ihr erst wieder Leben einzuhauchen, wenn das zusammenkommt, was zusammengehört. Schon in der ersten Nacht erfüllte sich nicht nur ihr Hunger nach lustvoller Berührung. Noch in dieser Nacht wurde das Leben weitergegeben und Werner (36) sollte mit kräftiger Stimme am 31. Dezember das Jahr 1943 begrüßen, in dem sich der beginnende Untergang des 1000jährigen Reiches ebenso abzeichnen würde, wie sich das junge Leben des Soldaten Franz Streit erfüllen sollte.
(Am 5. Juni 1942 – 209 Tage früher – würde Ursula das Licht der Welt erblicken, nach einer Paradeschwangerschaft ohne Komplikationen und einer für Erstgebärende verhältnismäßig glatten und „sanften“ Geburt.)
(37) Gibt diese lapidare Formulierung wohl auch nur ansatzweise wieder, was sich in einem Entbindungsheim der NSV - 60 km von zu Hause entfernt - nach einer unehelichen und ungewollten Schwangerschaft mit einer „verhältnismäßig glatten, sanften Geburt“ erfüllt?