Danke für Hildes Geschichte (30) - immer mit dem Verweis auf J. Lear - Dankbar? Wofür?
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Henning Sußebach hat mich auf die Idee gebracht, meinen Blog zu nutzen und Hildes Geschichte noch einmal Kapitel für Kapitel zu erzählen - ganz im Sinne seiner Überzeugungen, die er mit dem Aufschreiben der Geschichte seiner Urgroßmutter verbindet. Hilde, meine Mutter ist inzwischen auch Urgroßmutter, und ich stelle mir vor, dass sie ihre Hand nicht nur über mich hält, sondern über alle, die aus ihr hervorgegangen sind. Bert Hellinger macht uns noch einmal darauf aufmerksam, dass zu diesem Hervorbringen unter Umständen - und Hilde hat solche Umstände erlebt - auch die schlimmen Gesellen gehören. Aber werden wir beispielsweise dem Vater meiner Schwester tatsächlich gerecht, wenn wir ihn als schlimmen Gesellen sehen. Der Ausschluss, das beharrliche Weigern auch jenen Ahnen zu sehen und anzunehmen, dem meine Mutter, die Mutter meiner Schwester, die Großmutter meines Neffen, meiner Kinder und meiner Nichten und die Urgroßmutter aller Enkel:innen in Hingebung und Liebe begegnete, verhindert dort anzukommen, wo ich mich wähne - als jemand der irgendwann die Augen öffnet, sich noch einmal umblickt, aufsteht und geht - im Einklang mit sich selbst und seiner Geschichte.
Im Einklang mit sich selbst und seiner Geschichte? Der Zusammenbruch Hildes muss erbärmlich und total gewesen sein. Die einzige Hoffnung, die sie über ihre Schwangerschaft und alle Anfeindungen hinweg getragen hatte, zerstieb in der Offenbarung Franzens. Der eigene Sündenfall wurde potenziert durch die Lüge, mit der sie Franz all die Monate hinter ein Licht geführt hatte, das nun gänzlich verlosch. Und kein Weg würde daran vorbei führen, nun als vollends gefallenes Mädchen und Mutter eines Bastards zurückkehren zu müssen in die katholische Hölle ihrer Heimatstadt. So musste sie dem Vater unter die Augen treten und Mutters Schmerz und Enttäuschung erdulden.
Katja Nicodemus bemerkt, dass In die Sonne schauen (siehe vorheriges Kapitel) ein tröstlicher, ja ein utopischer Film sei, "weil die Heldinnen in diesem Geflecht nicht allein gelassen werden." Aber es sei auch ein harter Film, "weil sie beim Erleben von Schmerz und Gewalt eben doch mutterseelenallein sind".
Ich habe durch Schlüssellöcher, durch Spalten und durch Ritze geschaut. Ich habe den seriösen Voyer jener Frau und jener Zeit gegenüber auf mich genommen, weil ich es nicht ertragen mag - wie Henning Sußebach bemerkt -, dass wir den Moment des zweiten Sterbens hinnehmen, nämlich, dass der Mensch vergessen wird.
Hilde wird nicht vergessen. Sie wird auch deshalb nicht vergessen, weil sie wie keine Zweite ihrer Generation gezeigt hat, dass sie - wenn auch spät - den Weg freimacht für einen wahrhaftigen Wendepunkt im Leben ihrer Tochter, indem sie endlich den Namen ihres Vaters preisgab: Franz Streit
Sie wird im Übrigen auch deshalb nicht vergessen, weil sie ihren Sohn 1994 ermuntert hat, sie zu begleiten - nicht nur in den Gesprächskreis Verwaister Eltern, mit dessen Hilfe wir gemeimsam versucht haben, dem Tod ihres Sohnes Wilfried - Ullas Bruder so wie meiner - zu begegnen. Sie hat mich gleichermaßen ermuntert hat, sie bei ihrem Sterben zu begleiten und ihr Sterbetagebuch zu verfassen.Details
Hildes Geschichte - Franz, der Teufel (skerl)
Ursula war ein Sommerkind, 70 Jahre über, in einem langen Leben, reich an Wendepunkten, an denen Vieles geschehen ist, was nicht hätte geschehen müssen, blieb ihr sonniges Gemüt vielleicht ihr zentrales, ihr besonderstes Persönlichkeitsmerkmal, ebenso wenig zu begreifen von den Umständen ihrer Ausstoßung ins Leben wie von den einschränkenden Aspekten einer belasteten Kindheit und Jugend her. (39)
So war die kleine Ursula selbst vermutlich der Sonnen-, Wärme- und Energiespender, der Verantwortung, Pflichtgefühl und Fürsorge ebenso mobilisierte wie die Kraft der Versöhnung – vielleicht, nein ganz sicher auch die aufbrechende und nie mehr versiegende Quelle der Liebe. Heute – angesichts sich häufender Tatbestände von Kindstötung und Verwahrlosungstendenzen in einer aufgeklärten Wohlstandgesellschaft – kann man der Frage kaum ausweichen, in welcher Weise sich die Beziehung zwischen der soeben geborenen Tochter und der sie unter Schmerzen, aber voller Zuversicht gebärenden jungen Mutter wandelt bzw. entwickelt, wenn plötzlich das Koordinatensystem einer stabilen Welt- und Zukunftsorientierung mit einem Schlag hinweggefegt wird.
Dass Franz Streit ein Teufelskerl gewesen sein muss, ergibt sich aus wenigen, aber markanten Hinweisen. Der 1914 als Deutscher in Erkenschwick geborene Sohn österreichischer Arbeitsmigranten, floh 1936 nach dem gescheiterten Putschversuch gegen die österreichische Republik (Dollfuß-Putsch) nach Deutschland und war schon seit 1936 Berufssoldat. Er war ein Haudegen, tief verstrickt in die nationalsozialistische Bewegung, überzeugter Kämpfer für die nationalsozialistische Ideologie. (40)
Franz Streit ist wohl innerhalb eines halben Jahres zweimal „heim ins Reich“ gefahren. Einmal als Erholungsurlauber, das zweite Mal vermutlich im Zuge der Reorganisation und Auffrischung des eigenen Regiments. C. Hans Hermann vermerkt, dass es im Frühsommer 1942 u.a. um eine Verstärkung des PRgt 33 durch eine II. Abt. ging, bevor am 28. Juni die Sommeroffensive („Blau I“) auf Woronesh begann.
Franz Streit beherrschte die Befehls- und Kommandostrukturen wie das kleine Einmaleins, so dass alles für (s)einen letzten Besuch Anfang Juni, kurz nach der Geburt seiner Tochter, in Flammersfeld spricht.
Wie verkehrt sich überbordende Freude in ihr Gegenteil?
Franz hatte keine Zeit, seinen Besuch anzukündigen. Ablauf, Dynamik, vielleicht auch Hektik dieser Tage mögen ein Signum gewesen sein für das nun einsetzende Erdbeben, das die Welt für Hilde zusehends zu einer kalten Trümmerwüste werden ließ.
Wie bei einer Kernschmelze wird die Ausweg- und Alternativlosigkeit und vor allem die Unumkehrbarkeit deutlich, die einer bürgerlichen Moral den absoluten Vorrang einräumt gegenüber allen Phantasien, diesen Vorrang brechen zu können. Franz mochte seine Tochter eben in die Wiege zurückgelegt haben und sich einer strahlenden, jungen Mutter nähern, sie in seine Arme nehmen, dieses Mal ohne sein unwiderstehliches Siegerlächeln, ernst, ungewohnt ernst und vielleicht auch bedrückt und beklommen. (41=33)
Niemand wird eine Ahnung davon haben, wie lange es gedauert hat, bis Franzens Worte aus der bloßen Wahrnehmung in Hildes Bewusstsein eindrangen, so dass eine erste Vorstellung von der Tragweite dieser Worte möglich wurde.
Franz, der in seinem kurzen Leben, alles nur erdenkliche Elend dieser Welt gesehen, ertragen und gerechtfertigt hatte, resignierte alsbald vor der Ausweglosigkeit und der radikalen Verwandlung der Mutter seiner Tochter: (42)
„Nein, nein!“, schrie Hilde, eher entsetzt und ernüchtert als panisch oder hysterisch. „Nein, Franz, wenn du eine Frau und einen Sohn hast, dann geh dorthin. Ich habe Schande genug auf mich geladen. Ich werde sie nicht vermehren; eine Scheidung – was soll das sein und heißen – nein, Franz, nein, nein, nein!!!“
Hilde nahm die kleine Ursula aus der Wiege, stellte sich vor Franz und sagte ruhig und bestimmt: „Ich hab dieses Kind in die Welt gebracht, und ich werde es auch durch diese Welt bringen. Und nun geh, bitte geh zu deiner Familie und komm nie wieder!“
Franz versuchte auf Hilde einzuwirken. Er war offenkundig entschlossen, seinem Leben eine Wende zu geben. Dabei war ihm vermutlich nicht klar, was dabei seiner Überzeugung, seinen Bedürfnissen, vielleicht seiner Sehnsucht oder auch nur dem Druck des Augenblicks entsprach. Er hatte allerdings sehr schnell und sehr deutlich zu begreifen, dass es zu Hilde keinen Weg mehr gab. Seine Argumente und Phantasien prallten an ihr ab wie die Geschosse seines guten alten Panzer III an der unüberwindbaren Panzerung des neuen russischen T34.
In dieser zweiten Juniwoche 1942 hat Hilde Franz zum letzten Mal in ihrem 79 Jahre währenden Leben gesehen. Ob Franz von der Front aus versucht hat, Hilde brieflich zu erreichen – zu überzeugen, wissen wir nicht. Hingegen gibt es ein Foto, vermutlich aus dem Mai 1943. Es zeigt den kleinen, am 31.12.1942 geborenen Werner Streit mit seinem Vater; es war Franz Streits letzter Heimatbesuch vor seinem Tod am 23. September 1943. (43=36)