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Karfreitag ist bei mir Opa-Tag - Eine Hommage an meinen Opa Josef - hier das Lied

Guten Morgen, Herr Kempowski! Auf der Suche nach Gewährsleuten sind Sie raus! Aber Sie werden das verschmerzen, denn es kennt Sie ja ohnehin kaum noch jemand. Und Sie sollten sich vor Augen führen, dass solch naive Kritzeleien, wie Sie sie in Sirius – Eine Art Tagebuch noch 1990 verbreitet haben, heute ein absolutes No-Go markieren. Und dabei meine ich nicht Ihren erfrischenden Sarkasmus, den ich – ich räume das zähneknirschend ein – mehr als nachvollziehen kann.

Sie haben aber wenigstens eine breitere Öffentlichkeit davon überzeugen können, Ihnen für Ihre Schrulligkeiten ein pecuniäres Entgelt zu zahlen. Davon bin ich weit entfernt. Und nebenbei bemerkt; ich bin darauf ja auch nicht angewiesen. Um so mehr wundert es mich, dass Sie schon auf Seite 9 den „Altjahrsabend“ 1982 so bitter anklingen lassen:

„Zwischen Räucherfisch und Bleigießen las ich aus dem >Neuling< ein paar Seiten. Leider schwiegen die Gäste sich – obwohl hochqualifiziert – hinterher aus. Die Uhr tickte, und ich schwieg ebenfalls, leicht aufkochend. Vielleicht dachten sie: Er ist sowieso schon so erregt, bloß nicht noch reizen. Es wurde also peinlich, was mich noch mehr >reizte<. Ich kenne dieses Schweigen vom Familienkreis her. Da heißt es auch immer nur: Sehr schön! Wenn ich mich mal produziere.“

Und Sie wären gewiss nicht Walter Kempowski, wenn Sie nicht unmittelbar Abwege aufzeigten, mittels derer Sie mühelos ablenken können von Ihrem Verdruss, Ihrem Kränkungserleben. Herrlich, wie Sie für Ihren Missmut Holzwege weisen, die dann alle gemeinsam – und vor allem versöhnlich – beschreiten können:

„Meine Silvestergereiztheit wurde diesmal ohne weiteres hingenommen. Man hat sich wohl daran gewöhnt: So ist er nun einmal. Ich hab schon gedacht, ob die Wut, die sich jeden Altjahrsabend bei mir einstellt, von den Gewürzen im Glühwein herrührt, von dem ich dann leider doch das ein oder andere Glas trinke! – Es spielt gewiss auch der Gedanke eine Rolle, bis Mitternacht feiern zu müssen, das empfinde ich als eine Art Freiheitsberaubung.“

Nun bin ich selbst mit meinen unterdessen 74 Jahren längst Großvater, und um bis Mitternacht und darüber hinaus feiern zu müssen, bedarf es schon besonderer Anstrengungen. Freiheitsberaubungen oder eher Deutungszumutungen gestalten sich mir inzwischen auf ganz andere Weise. Am heutigen Karfreitag stand mein Großvater – Josef – lange im Mittelpunkt unserer digitalen Bemühungen. Zu einem Lied – nein, kein Lied! Es war bislang einfach und schlicht ein Gedicht – eine lyrische Hommage an meinen Opa Josef. Nun habe ich ein Lied daraus gemacht. Die Hilfe, die mir durch eine KI-begleitete Vertonung zuwuchs, versetzte mich einerseits in meine Kindheitstage. Der Liedvortrag wird durch einen Kinderchor begleitet und gestützt. Dabei folgt die melodische Intonierung merkwürdigerweise sehr intensiv meinen eigenen Erwartungen. Dies mag durchaus eine Erschleichung sein insofern es sich auch genau umgekehrt verhalten könnte. Meine Erwartungen schließen sich schlicht dem Ergebnis der Vertonung an. Gleichwohl tauche ich noch einmal ein in jene Welt, die ich in den Orten beschrieben und mystifiziert habe. Im hohen Alter von 74 Jahren vertrete ich durchaus die Auffassung, dass mein eigener Großvater maßgeblichen Anteil daran hat, wie ich heute meine eigene Großvaterrolle annehme und interpretiere.

Dies verstärkt enorm die Verankerung im generativen Gesamtzusammenhang, von der Alexander Kluge so beredt zu berichten weiß. Auch ihm erweise ich hiermit noch einmal ganz ausdrücklich meinen Respekt und meinen Dank und überlasse es all meinen Verwandten ihre Schlussfolgerungen daraus zu ziehen – das gilt natürlich auch für meinen gediegenen Bekanntenkreis, innerhalb dessen familiäre und intergenerative Dynamiken auf sehr differenzierte und unterschiedliche Weise wahrgenommen und diskutiert werden.

Nun bin ich gewiss die in den späten neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandenen Texte noch schuldig:

 

Was ich auch von meinem Ahnen
genommen habe

Hommage an meinen Opa
Josef Lahnstein


Aus dem Ofen in den Laden,
und von dort auf unsern Tisch
große, kleine Fladen,
neben Wurst ein wenig Fisch.
Mit der Hand in meinen Mund,
eingeschleimt, zerkaut dann in den Schlund,
hinein in jenen Magen,
der nunmehr hat das Sagen:
Durchsäftet, angedaut
wandert dann der Brei
durch Dick und Dünn
- nein eher umgekehrt -
bevor er wurstet sich von dort
hinein in jenen Ort,
der heute
- komfortabel -
mittels Wasserspülung
alle Reste von dem Feste
schwemmt durch dunkelste Kanäle
fort
in jene düstren Hallen,
wo einst mein Ahn
die Last von allen saubren Leuten nahm.

Klärwerk heißt der Ort,
an dem ich kam
vom Ahnen hin zum Wort,
dem ich fortan huldigte.
Doch dies gewiss nur,
weil mich jener Ahn
auf in seine Seele nahm,
und in mir als Kind
das Licht erweckte,
mit dessen Kraft
ich fortan Wort für Wort
und auch die Welt entdeckte.

 

Orte

Hommage an meinen Opa
Josef Lahnstein

 

Ich heiße Josef (neben Franz),

 und bin der Enkel

 einer deutschen Eiche:

Josef -

 stark und breit,

 sanft und gewogen,

 leicht gebeugt

 - ein Kraftwerk.

 In Deinem Haus

 - keine Bilder, keine Bücher,

 da hingen keine Gainsbouroughs

 der Volksempfänger bis zuletzt!

Und doch:

 Jede Sekunde gelebten Lebens

 respektvoll:

 Du trugst uns (Enkel)Kinder auf Händen

 - alle!

Und herausgeschnitzt

 (auch diese) Linie(n)

 - erzählten Lebens:

 Der Eigensinn, die Unvernunft -

 da spürte schon mal ein brauner Uniformträger,

 wie rotes Blut und brauner Boden schmeckt!

Nein!

 Über Politik und Geschichte wurde wenig gesprochen.

 Masuren 1914 -

 steckte in Deiner Seele –

 und

 Eisen

 als lebenslange Depotgabe

 in Deinem Körper.

Warst kein Schweijk,

 und kein

 Jünger der Stahlgewitter.

Merkwürdig konstruierte Intuition,

 assimilierte Facetten jiddischer „Kultur“ -

Ja, ja!

 Gelernt hast Du das Schächten

 (dein Werkzeug liegt jetzt in meinen Händen).

 Metzger wolltest du werden -

 und warst früh schon geschätzter Experte,

 wenn es die

 Gottschalks,

 die Oppenheimers,

 die Wolffs

 und Lichtendorffs

 koscher haben wollten.

Merkwürdige Synchronizität:

 Die Mischpoke ist Dir abhanden gekommen –

 wolltest Du jemals wissen wie?

 Alles Millionäre in Amerika!?

Und Du?

 Ohne Profession!

 Verlust bei Verlust.

 Stiller Gewinner die Stadt:

 Zumal die untersten Chargen

 - die städtischen Arbeitskolonnen -

 besetzt mit Spitzenkräften.

Für mich warst du

 der immer schon alte, starke Mann:

 Im Schiefer der Weinberge;

 als Führer

 zu den mythischen Orten der Kindheit,

 wo die Maiglöckchen (noch heute) blühen.

 In den lehmigen Gruben,

 stiller Bereiter der letzten Wege,

 wo selbst Du deine Grenzen erfuhrst,

 wenn jemand im Tod noch auf Wanderschaft musste.

Dann wieder ein Ort

 - im städtischen Schwimmbad -

 wo Leben quirlt und sprüht!

 Lebendige Kindheit

 - Salz und Sonne auf unserer Haut!

Geheimnisvoll aber,

 mythisch,

 dionysisch

 und gewaltig jener Ort.

Die Hallen,

 in denen

 Anfang und Ende zusammenfließen:

 Wir lebten am Rande,

 der letzten Bastion zivilisierten Lebens.

 Von dort 3000 Meter

 wildes Land:

 Zuerst die Abraumhalden der Stadt

 - Schutt!

In der anderen Welt,

 jenseits der Ahr,

 gesäumt von Alleen immer blühender Kastanien

 die in den Hades übergehenden Prozessionen,

 wo Staub kommt zu Staub.

 Auf unserer Seite die Niederungen,

 Sumpf- und Schwemmgebiet,

 worin sich alle Urgewalt verläuft:

Hier duckt sich der Ort,

 hinter Haselnüssen und Hainbuchen,

 ein Bunker,

 flach

 und bestimmt von Diagonalen

 - sanft ansteigende Schrägen.

Zuerst lockt eine Stube,

 verwinkelter, tetraedischer Kubus,

 kristalliner Raum einer ganzen Welt:

 Der Körper spürt wohlige Ewigkeitswärme -

 fossiles Urfeuer im Kanonenrohr;

 die Augen gehen über.

Im Restlicht erscheint das Panoptikum (D)einer Zeit:

 An den Wänden das illustrierte Feuerwerk

 der formierten Gesellschaft:

 Beauties und Katastrophen,

 Abziehbilder medial markierten Raums.

Ein fernes, geheimnisvolles Rauschen liegt über Allem.

 Dünn und vernehmlich,

 bedrohlich,

 aber (noch) gebannt

 im Kreis der alten Männer:

 Schwerer Moschus

 aus Tabak, Manschester -

 sinfonische Höhepunkte,

 wenn Bohnen und Speck,

 Schweinebraten und Kohl,

 Wirsing und Gulasch

 Geruchsnischen besetzen,

 wie Flaschengeister jenem Kessel entsteigen,

 der die Kleinode unserer Küche bewahrt;

 und doch nichts als Irrlichter im olfaktorischen Inferno.

Von Zeit zu Zeit

 - in der rush hour kollektiver Biorhythmen alle Stunde -

 verlässt Du die Stube.

 Dann ergreife ich Deine Hand

 selig geborgen,

 gerade genug,

 um standzuhalten!

Denn wir treten ein in den Bannkreis der düsteren Hallen,

 anschwellendes Rauschen,

 noch wie fernes Trommelfeuer vor dem Sturm.

 Welche Schätze lagern hinter metallenen Toren

 an des Wächters Hand -

 vor dem Allerheiligsten?

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund