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Peter Sloterdijk - mit Blick auf seine Sprachmächtigkeit: Handeln im Affekt? Nicht ohne selbstkritische Besinnung! Besinnung in einer Welt der Affekte!

Einzuordnen in den bereits begonenen Versuch, einen Lebenslauf (auch) über Lieder zu kommentieren. Es handelt sich um folgende drei weitere Vertonungen meiner Gedichte, die teils im Verlauf dieses Beitrags (aus 2024) platziert werden:

Von vorne wie von hinten - Wenn meine Augen trunken sind

Sie spürt - Wenn Zunder bereit liegt

Siehst Du dort auf dem Teller die blutroten Kirschen?

 

Überarbeitete Fassung - veröffentlicht: 13. Oktober 2024

Ein Text, geschrieben nicht im Affekt, obwohl mein Unverständnis und meine Fassungslosigkeit über die zunehmenden Wählervoten für die AfD bei den letzten Wahlen jede Affekthandlung provozieren. Dies gilt gleichermaßen für den kriminellen Irrsinn, getriggert durch toxischen Männlichkeitswahn, der sich – trotz der #metoo-Debatte - in den sozialen Netzwerken ebenfalls in zunehmendem Maß breitmacht. Man gelangt unwillkürlich zu der Frage, ob Gottfried Benn mit seiner frühen Feststellung: Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch nicht weit an der Realität vorbeigeht und dem Schwein maßlose Ungerechtigkeit widerfahren lässt.

Man macht sich so seine Gedanken über den sogenannten Souverän. Man ist geneigt alle Illusionen fahren zu lassen!

Teile der Bevölkerung – vor allem junge Männer - leben ihren Frust in vorreflexiven Affekten aus: Ich habe Angst, ich bin zornig, wütend und frustriert! Aber eine affektgesteuerte Haltung legen zu Teilen auch Akteure gleichermaßen auf der nationalen wie der internationalen Bühne politischen Handelns an den Tag.

Das deutsche Strafrecht kennt im Übrigen die Ausübung einer Tat im Affekt (Affekttat), was zu einer Strafmilderung nach § 21 StGB oder, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung im Sinne des § 20 StGB, zur Schuldfähigkeit führen kann.

Der folgende Beitrag entwickelt Vorstellungen über ein Phänomen wie Affektlogik - und dies primär in Zusammenhängen, wie sie mit der #metoo-Debatte angestoßen werden.

Freilich neige ich inzwischen dazu, auch Wählerverhalten und politisches Handeln unter affektlogischen Kriterien einzuordnen, dann vor allem aus der Annahme heraus, dass Menschen in Krisen- und Stresssituationen dazu neigen, Handlungen sozusagen im Affekt zu begehen. Affekte wie Zorn, Wut, Hass tauchen z.B. immer häufiger in der Rechtfertigung von Wählern auf, die den etablierten Parteien eine Lektion erteilen wollen. Die Annahme, dass man ihnen dabei eine Bewusstseinsstörung attestieren könnte, halte ich für nicht zulässig. Schon eher mag man Jan Phillip von Reemtsmas These vom Unaufhebbaren Nichtbescheidwissen der Mehrheit (München 2005) in Erwägung ziehen. Aber auch dies halte ich nicht wirklich für zulässig. Denn niemand kann in einer freien, offenen Gesellschaft jene Erkenntnisse hintergehen, auf die ich mich in dem Blog-Beitrag beziehe: Was nicht jeder weiß, aber jeder wissen kann.

Der nachfolgende Beitrag soll letztlich auch transparent machen, wie man sich als ein 1952 geborener, alter, weißer Mann in der #metoo-Debatte positionieren kann. Positionierung unter der Maßgabe, zumindest nachvollziehen zu können, was der Papa, der Opa, der Onkel für Ansichten vertreten hat. Dies gilt für alle möglichen Aspekte einer Positionierung – auch im politischen Feld. Die weiter unten angebotene Unterscheidung von einem vorreflexiven Modus des Driftens in einer undurchschaubaren Welt (der Affekte) einerseits und reflexiven Kratzversuchen an den damit gegebenen diffusen Wirklichkeitsfassaden andererseits, gewinnt auf diese Weise eine zwingende Alternativlosigkeit. Dabei pendele ich ständig hin und her zwischen der Vorstellung, die einen erlägen einem (vorreflexiven) Unmittelbarkeitswahn aller sozialen Wirklichkeit, während sich andere schlicht weigerten, durchaus erkennbare reflexive Anwandlungen auch in eine kommunikativ nachvollziehbare und diskursfähige Sprachform zu bringen.

Es geht bei alledem weniger um eine Entblößung, aber eben auch nicht um eine wie auch immer bemühte und begründete Abdunklung/Abschattung von eigener Weltsicht und der Kreation damit verbundener Handlungsoptionen.

Das Motiv diesen folgenden Beitrag erneut online zu stellen (und damit einer unseligen Debatte aus meiner sehr subjektiven Sicht noch einmal aufzuhelfen) wird durch einen Eintrag Peter Sloterdijks innerhalb seiner Zeilen und Tage – Notizen 2008-2011 (Suhrkamp, Berlin 2012) befeuert.

Prämissen:

Zuvor will ich mir aber einen kleinen Ausflug erlauben, der einen Blick auf die von mir in Erwägung gezogenen und weiter oben bereits angedeuteten Prämissen erlaubt. So kennt beispielsweise das deutsche Strafrecht – wie weiter oben bereits erwähnt – die Ausübung einer Tat im Affekt (Affekttat), was zu einer Strafmilderung nach § 21 StGB oder, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung im Sinne des § 20 StGB, zur Schuldunfähigkeit führen kann.

Versucht man eine wissenschaftlich begründete Herleitung solch strafrechtlicher Differenzierungen, könnte man Luc Ciompis Affektlogik (Klett-Cotta, 4. Aufl., Stuttgart, 1994) heranziehen. Auf Seite 81ff. führt Ciompi dazu aus, dass affektives und kognitives Erleben als etwas untrennbar Verbundenes betrachtet werden müssen. Gleichwohl betont er Wesensverschiedenheiten in bestimmter Hinsicht:

„Möglicherweise besteht entwicklungsmäßig zwischen ihnen nicht einfach eine Parallelität bzw. Symmetrie, sondern zumindest […] eine charakteristische und sinnvolle Phasenverschiebung […] Ein Hinweis auf die Existenz solcher Phasenverschiebungen mag auch in der Tatsache liegen, das phylogenetisch das >Fühlsystem< viel früher entstanden ist als das >Denksystem< […] Im Hirn sind bezeichnenderweise die Zentren und Bahnen, die mit den Gefühlen in Verbindung stehen, im Hypothalamus und im limbischen System, das heißt in phylogenetisch außerordentlich alten Hirnregionen lokalisiert. Die kognitiven Funktionen dagegen, und besonders der spezifisch menschliche Intellekt (Denken, Sprache, Bewußtsein) gehören, soweit sie sich lokalisieren lassen, eindeutig den entwicklungsmäßig jüngsten Rindengebieten des Noecortex und ganz besonders der linken Großhirnhemisphäre an.“

Ciompi führt zu Beginn (Seite 81) aus, dass die von ihm vertretene Auffassung der Affektlogik gewissermaßen eine Art Doppelsystem bilde. Es stellt für ihn ein Instrumentarium dar,

„mittels welchem wir mit der begegnenden Umwelt umgehen, das heißt sie wahrnehmen (=perzipieren) und uns ihr mit-teilen (=kommunizieren)“.

Mir geht es insbesondere darum, auf eine Differenz hinzuweisen, die eine affektgeladene Perzeption (Wahrnehmung) als ein vorreflexives Geschehen begreift, dessen Auslöser im limbischen System verankert sind.

In einer zivilisierten Welt, die sich an wertebasierten Regeln (Zehn Gebote, BGB, Strafrecht…) orientiert, muss die perzeptive Impulswelt – bevor sie u. U. handlungsmächtig wird – einer reflexiven Rückkopplung unterzogen werden; Freud würde nun das ÜBER-ICH bemühen, das triebbasierte Impulse des ES einer kontrollierten Überprüfung unterzieht, bevor diese vom ICH in angemessene Kommunikation/Handlung übersetzt werden. Geschieht dies nicht in hinreichender, angemessener Weise, kann es zu Affekthandlungen (oder Kurzschlusshandlungen) kommen, deren Ablauf vom Ausführenden nicht beherrscht bzw. kontrolliert wird und die durch intensiv empfundene und meist relativ kurz andauernde Gemütserregungen (Affekte) motiviert ist. Dies können Regungen des Zornes, der Wut, der Angst, des Ärgers, der Begierde, der Eifersucht aber auch solche der Freude, der Begeisterung, der Verzückung sein.

Anmerkung: Einen schmutzigen, verwerflichen Sonderfall politischer Kommunikation stellt die bewusste - insofern eben kalkulierte - strategisch und taktisch verwendete Instrumentalisierung von Affekten im politischen Wettbewerb dar. Mag es auch schwerfallen, sich einen Donald Trump oder einen Wladimir Putin nicht als Inkarnation affektgeladener Ressentiments vorzustellen, so stellen sie meiner Auffassung nach doch in erster Linie rational skrupellos kalkulierende, machtbessesene Politikertypen dar. Im Falle Putins kommt zur moralischen Verkommenheit noch die Verfügungsgewalt über einen politisch-administrativen Machtapparat hinzu, die den von ihm ausgehenden, angstauslösenden Drohgesten eine brutal-reale Grundlage verleiht. Inzwischen begegnet ihm Donald Trump in seiner vollkommenen moralischen Verkommenheit und Machtbesessenheit allerdings auf Augenhöhe!

Noch einmal: Unser aller Alltag - und seine Bewältigung - wird weitgehend durch vorreflexives Verhalten geprägt, durch Routinen und Rituale, die uns vom Zwang permanenter Reflexion entlasten. In keinem Falle jedoch darf dies dazu führen, dass jemand Entschuldigung für eine Kommunikation und ein Handeln mit Blick auf andere erfährt, das in seinen Konsequenzen nicht wenigstens ansatzweise dem Filter einer wertebasierten Reflexion unterliegt - gewissermaßen dem Regulativ eines zivilisatorischen Minimums!

Auch in dem eher #metoo- bezogenen Beitrag geht es um genau diese Begründung eines zivilisatorischen Minimums, das das Ausspielen machtspezifischer Asymmetrien ausschließt. Das Wissen um den Einfluss vorreflexiver Affekte und deren Rückkopplung im Rahmen einer selbstkritischen, reflexiven Grundhaltung bilden sozusagen die Voraussetzungen für die Orientierung an einem zivilisatorischen Minimum.

Unter dem 17. März 2011 findet sich in Sloterdijks Zeilen und Tage 2008-2011 auf Seite 615 nun

folgender Eintrag:

„Roland Barthes hatte recht: die Sprache der Liebe kommt über eine Sammlung von Fragmenten nicht hinaus (siehe dazu meine Veröffentlichung aus dem Jahr 2005). Die ärmste Form der Sammlung ist die Reihe von Eigennamen, die zu früheren Amouren gehören. Aus den Namen werden Anekdoten, aus den Anekdoten Kapitel. Das geht so lange, bis der Name auftaucht, von dem man will, daß er nicht mehr bloß ein Kapitel bedeutet. Die erotische Autobiographie ist unmöglich.“

Kurvenverläufe und #metoo - Aspekte einer erotischen Autobiographie in lyrischen Verdichtungen:

Frau

Du Frau –
wie füllst du den Raum!
Schneidest messerscharf
Konturen in diesen Kosmos.
Markierst ein Terrain
singulär und einzig.
Meine Gedanken
umkreisen diesen Kosmos;
und mein Sinnesseismograph
zeichnet feinsinnig
und kurvengenau
die Parabeln.
Diese Beweise fallen leicht:
Gedanken- und Körperwelten,
die sinnesmächtig agieren,
und sich manchmal begegnen. 

Hier liegt die Vermutung nahe, dass ich Zeit meines Lebens ein ein Augenmensch war:

Von vorne wie von hinten

Wenn meine Augen trunken sind
von so viel Weiblichkeit,
sich verlieren im bestimmten Rund
– von vorne wie von hinten –
feuern die Neuronen,
berechnen
die Parabeln
nanosekundenschnell!
Mit absoluter Präzision,
so, als sei das komplexe
Zusammenspiel der Synapsen
simpel
und nur
k
o
m
p
l
i
z
i
e
r
t

.

Einleitend habe ich geschrieben, dass die Geschichten, die ich erzähle, vielleicht in ihren Details und in ihrer sprachlichen Form durchaus originell sind; dass es sich aber grundsätzlich immer um Alltagsgeschichten handelt. Die subjektiv einseitige Weltsicht, die damit zum Vorschein kommt, konfrontiert sich andererseits durchweg mit dem, was wir dem sogenannten Zeitgeist und erkennbaren historischen Kontexten zuschreiben. Dem unterliegen zweifellos auch eine geschlechterbetonte Sozialisation mit der daraus folgenden sexuellen Identität – einschließlich ihrer Defizite und Versäumnisse. Mir ist allerdings enorm wichtig zu betonen, dass der Erwerb, die Interpretation und der Umgang mit den Essentials und Facetten eines männlichen Selbstbildes mit Anteilen verknüpft zu sein scheint, denen ich in der Tat lediglich einen vorreflexiven Status zubillige. Ein vordergründiger Beleg für diese Annahme hängt aus meiner Sicht mit der ungeheuren Vielfalt zusammen, die sich heute in den Identitätskrisen und –konstrukten sowohl von Männern als auch Frauen widerspiegeln. Hinzu kommen gesellschaftliche Marker-Begriffe, wie queer, für Personen, deren geschlechtliche Identität und/oder sexuelle Orientierung nicht den heteronormativen Normen entsprechen. Betrachtet man diese Gemengelage, erscheint es andererseits auch wieder leicht, den Anspruch auf eigene Identitätsfacetten offensiver zu vertreten und zu kommunizieren:

Gedichte sind das eine, die Wege dorthin das andere. Sind Gedichte vielleicht eine der ambitioniertesten Formen reflexiver Auseinandersetzung mit individuellen und gesellschaftlichen Befindlichkeiten bzw. Prozessen, so meine ich eben, dass die Wege dorthin angelegt werden und gedeihen in einem vorreflexiven Sumpf von Wahrnehmungen und der je möglichen Auseinandersetzung mit ihren Auslösern und Wirkungen. Emotionale, kognitive und kontextuelle Affekte und Rahmenbedingungen entscheiden über Differenziertheit und Niveau dieser dann reflexiv motivierten Auseinandersetzungen. Nehmen wir eine weitere Kostprobe sprachlich verdichteter Wahrnehmungsimpulse hinzu, wird vielleicht deutlicher, worum es mir geht (es handelt sich im Übrigen um eine Auswahl von Café-Hahn-Gedichten aus den 90er Jahren - hier der Link dazu):

Possessivum (Variationen)

Zunder I

Sie spürt,
dass meine Augen
ihren Arsch erfinden.
Ich spüre,
dass sie fühlt,
wie ich merke,
dass sie spürt,
wie ihr Arsch
meine Blicke fängt –
wie ein Brennglas
Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.

Zunder II

Sie spürt,
dass seine Augen
ihren Arsch erfinden.
Er spürt,
dass sie fühlt,
wie er merkt,
dass sie spürt,
wie ihr Arsch
seine Blicke fängt –
wie ein Brennglas
Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.

Zunder III

Er spürt,
dass ihre Augen
seinen Arsch erfinden.
Sie spürt,
dass er fühlt,
wie sie merkt,
dass er spürt,
 wie sein Arsch
ihre Blicke fängt –
wie ein Brennglas
Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder bereit liegt.

Zunder IV

Er spürt,
dass ihre Augen
seine Nase erfinden.
Sie spürt,
dass er fühlt,
wie sie merkt,
dass er spürt,
wie seine Nase
ihre Blicke fängt –
wie ein Brennglas
Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.

Zunder V

Jemand spürt,
dass seine Augen
jemandes Augen erfinden.
Er spürt,
dass er fühlt,
wie er merkt,
dass er spürt,
wie seine Augen
seine Blicke fangen –
wie ein Brennglas,
das Sonnenstrahlen bündelt
und Brände entfacht,
wenn Zunder
bereit liegt.

Es bleibt mir nicht verborgen, dass die folgenden Ausführungen wohl jetzt aufgeschrieben werden müssen oder nie mehr! Dies hängt primär damit zusammen, dass es – zumindest was mich angeht – immer weniger um die Intensität eines gelebten Lebens geht; dies würde vor allem das intensive Ausleben einer lebendigen, neugierigen, triebhaften Sexualität einschließen – in erster Linie auch als konkreter, handlungsmächtiger Vollzug mit all seinen physischen und psychischen Implikationen. Bei dem gesamten Unterfangen, dem ich mich hier unterziehe und aussetze, geht es eher um die gedankliche Durchdringung, das Nacherleben intensiver Erfahrungen, so dass daraus erzähltes Leben wird, ganz nach der Vorstellung Henry de Montherlants, wenn er meint, ein Bursche von achtzehn Jahren, der über alles erhaben sei, sei ein Tor, und ein Mann von siebzig Jahren, der nicht über alles erhaben sei, sei ebenfalls ein Tor. Montesquieu setzt den Akzent ähnlich, indem er bemerkt, dass wir auch im Alter noch den Genuss begehren. Kosteten wir in der Jugend allerdings den Genuss im Verschwenden aus, so im Alter nur im Bewahren.

Verlassen wir einmal eine eher philosophisch inspirierte Weltsicht: Einen Barcode zu entschlüsseln, ist gleichermaßen trivial wie faszinierend. Mit einem Barcodeleser/Barcodescanner liest man die Breite der gedruckten Balken und den dazwischenliegenden nicht eingefärbten Lücken mit einem Laser oder LED ein. Dies geschieht via Reflektionen der hellen und dunklen Abstände.

Mein persönlicher, singulärer Sinnesseismograph liest - einem Barcodeleser ähnlich - aus der unendlichen Flut von Sinnesreizen jene aus, die im Zusammenspiel zuweilen eine kritische Masse hervorbringen. Wichtig ist mir – wie schon gesagt – zu betonen, dass es sich hierbei um ein absolut vorreflexives Geschehen handelt. Da ich heterosexuell gepolt bin, provoziert das Erscheinungsbild einer Frau in mir Reflexe, deren Qualität eine unendliche Variationsbreite repräsentiert. Von angenommenen hundert, tausend oder meinetwegen zehntausend Frauen erzeugt jede ein singuläres Muster, das sich einem Barcode ähnlich von allen anderen Mustern unterscheidet. Einige Male in meinem Leben war ich offen für das beschriebene Phänomen der kritischen Masse. Zu der außerordentlichen Qualität der aufgenommenen Sinnesreize kommt dann unter Umständen ein Interesse, das das Spiel anstößt, das nur zu zweit geht.

Dass ich nun mit fast siebzig Jahren – wie Henry de Montherlant meint – über alles erhaben sei, das klingt mir ein wenig zu pathosgeschwängert. Julia Onken vergleicht die dynamische, ja dionysische Urgewalt des Eros einmal mit dem Getroffenwerden von einem Blitzschlag aus heiterem Himmel, das mit der Urkraft von Naturgewalten gleichgesetzt werden könne.

Es geht aber auf der anderen Seite auch immer darum – vielleicht mit Blick auf die Chancen für ein Fürsorgliches Finale (Detlef Klöckner) – den Entwicklungsraum zu beschreiben, den sowohl Männer als auch Frauen für sich beanspruchen und kultivieren können; für mich persönlich in einem Kontext, der viele meiner Geschlechtsgenossen maßlos überfordert hat.

Konkret: Fünfundzwanzig Jahre LehrerInnenausbildung am Uni-Campus Koblenz – circa 250 bis 300 Seminarveranstaltungen und Vorlesungen; allein daraus resultiert ein Teilnehmerkreis von mehr als 10.000 Studierenden; mehr als 10.000 Staatsprüfungen, Modulabschlussprüfungen; tausende von Staatsarbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten, an mehr als 600 Tagen Sprechstunden, zwischendurch Prüfungsberatungen. Im Lehramtsbereich summieren sich die persönlichen Beratungs- und Betreuungskontakte auf eine nicht mehr wirklich nachvollziehbare Zahl von zehn- bis fünfzehntausend, wovon 70 bis 80 Prozent Frauen waren. Der erwähnte Sinnesseismograph war im Dauerbetrieb, in der Regel reine Registratur im Sinne von Routine – tausende und abertausende von Adressen, Profilen, Gesichtern, Körperwesen, die eine besondere Arbeitsatmosphäre begründen, winters wie sommers. Zum Sommer gibt es eine delikate Randbemerkung, die weiter unten näher beschrieben wird.

Diskret ist, wer weiß, was er nicht bemerkt haben soll (Peter Sloterdijk). Diese Diskretion gilt auch in Selbstanwendung.  Sie führt hier allerdings zu einer Paradoxie, die – wie gesagt – nur dadurch vermeintlich aufgelöst wird, dass man die seismographischen Aufzeichnungen und Ausschläge in einen Routinebetrieb überführt und vor allem ihn (in der Regel) der privaten und vor allem jeglicher öffentlichen Kommunikation entzieht. Die diskrete, unvermeidbare, seismographisch sensible Buchführung kommt einer umfangreichen Registratur gleich. Sie vollzieht sich jeweils in Bruchteilen von Sekunden – ja Nanosekunden und wird im Alltagsbetrieb der Seminare, Beratungen, Prüfungen - allein schon aus Professionalitätserfordernissen - ausgeblendet. Aber selbst diese Ausblendung kommt eher einer fragwürdigen Autosuggestion gleich – möglicherweise einem Akt der Selbsthypnose – der in seinen tatsächlichen subtilen Auswirkungen nicht abzuschätzen ist - und vor allem: sie gelingt nicht immer. Auch hier bleibt mir nur der Verweis auf Peter Sloterdijk:

„Weil die dem Bewusstsein vorauslaufende und von ihm abgewandte Autopoiesis (der Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems) einen uneinholbaren Vorsprung, vor seinen Selbstrepräsentationen im Bewusstsein besitzt, ist evident, dass Selbstbezüge immer einen gewissen funktionalen Sinn haben – und dies in aller Normalität und weit vor allen Problemen maligner (bösartiger) Selbstbetonung. Es existiert in dieser Hinsicht weder ein sich selbst bis auf den Grund durchsichtiges Subjekt noch ein freies, zur Revolte und zum bösen Selbstgenuss prädisponiertes Ego, das als zentrale einer schuldhaften Verweigerung der Kommunion mit allen anderen Organismen oder Ko-Subjekten fungieren könnte. Aber es existieren ohne Zweifel fehlgesteuerte oder misslungene Autopoiesen, die – wenn man ihnen abhelfen will – in therapeutischer Einstellung studiert werden müssen in: Luhmann-Lektüren, Berlin 2010, S. 128).“

Dies bedeutet in keiner Hinsicht eine Absolution – vor allem männlichen Fehlverhaltens (eine Definition folgt weiter unten im Anschluss an Catherin Deneuve u.a.). Ich greife einmal – auch um die eigene Verstrickung deutlich zu machen – auf ein weiteres Beispiel aus Sloterdijkscher Feder zurück. Es geht darum, den Zusammenhang zwischen seismographischer Registratur und reflexiver Kommentierung zu verdeutlichen (ich entnehme das Beispiel: Zeilen und Tage – Notizen 2008-2011, Berlin 2012, S. 37f.). Unter dem 3. Juni, Amsterdam findet sich folgender Eintrag:

„Mittags im Sea Palace. Rene zitiert einen Satz von Konfuzius: ‚Mit siebzig konnte ich den Regungen meines Herzens folgen, ohne jemals eine Sünde zu begehen.‘ Später sah ich an der Centraal Station eine junge Frau, bei deren Anblick sich der Wunsch einstellte, siebzig zu sein, der Regung wegen. Für das übrige wäre vierzig die Obergrenze gewesen. Ich fragte mich nur, was mit dem weiblichen Selbstbewusstsein nicht stimmt, wenn ein Wesen mit einem derart evangelischen Gesicht ein solches Amok-Decolleté zeigt.“

Hier entsteht kein Streit um die Frage, wer zuerst da war: das Ei oder die Henne? Sieht man einmal ab, davon, dass es einer Henne bedarf, um ein Ei hervorzubringen, geht es hier zunächst einmal um die dem Bewusstsein vorauslaufende und von ihm abgewandte Autopoiesis, die einen uneinholbaren Vorsprung vor seinen Repräsentationen im Bewusstsein besitzt; das Hähnchen ist gewissermaßen im Ei bereits genetisch programmiert und weiß, wann es krähen muss (sofern es nicht im Schredder landet). Sloterdijk nimmt das Mörderdecolleté (sinnlich-vorreflexiv) wahr und in Bruchteilen von Sekunden – aber eben erst nachher – stellt sich seine intellektuell (fragwürdige) Kommentierung ein – fragwürdig, weil man sich fragen kann, ob hier tatsächlich - wie Sloterdijk unterstellt - „mit dem weiblichen Selbstbewusstsein etwas nicht stimmt“, oder ob Sloterdijk sekündlich klar ist, dass ihm zur Würdigung des sinnesmächtigen Reizes nur diese bescheidene Form der (sarkastisch-ironiegeschwängerten) Kommentierung bleibt (die ja unendliche viele kulturelle Implikationen und daraus folgende Interpretationen offenbart – allein das  e v a n g e l i s c h e  Gesicht im Zusammenhang mit einem Amok-Decolleté wirft einen Fragenkatalog auf - aber eben erst nachher!).

Mir genügt dieses Beispiel, um mir meine eigene Situation in einem reizgefluteten – und zuweilen -überfluteten – Kontext noch einmal zu verdeutlichen. Einem weißen, älteren Mann bleibt zunächst einmal nichts anderes übrig, als sich in der ausufernden, komplexen #me-too-Debatte zu positionieren. Ich zitiere dazu aus dem aktuellen Wikipedia-Beitrag:

"Weiter gingen rund 100 Intellektuelle, Künstlerinnen und Journalistinnen, wie Catherine Deneuve oder Ingrid Caven, die einen offenen Brief unterzeichneten, den Sarah ChicheCatherine MilletCatherine Robbe-GrilletPeggy Sastre und Abnousse Shalmani verfasst hatten und den die französische Tageszeitung Le Monde am 9. Januar 2018 veröffentlichte. In diesem warnten sie vor dem 'Klima einer totalitären Gesellschaft'. Die ersten Sätze lauten: 'Die Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber die Anmache oder das Anbaggern (i.O. la drague), das insistiert oder ungeschickt ist, ist kein Delikt wie auch die Galanterie keine machistische Aggression ist.' #MeToo habe eine 'Kampagne der Denunziation und öffentlicher Anschuldigungen' ausgelöst – die Beschuldigten seien auf eine Stufe mit sexuellen Aggressoren gestellt worden, ohne antworten oder sich verteidigen zu können. Als Folge konstatierten sie eine 'Säuberungswelle', von der insbesondere Kunst und Kultur betroffen sei, was letztlich zu einer unfreien Gesellschaft führen könne. Sie befördere zudem einen Puritanismus und spiele so den Gegnern der Emanzipation in die Hände. Zwar sei es legitim, die Formen sexueller Gewalt gegenüber Frauen zu vergegenwärtigen. Eine beharrliche oder ungeschickte Anmache sei jedoch kein Vergehen – schließlich gäbe es keine sexuelle Freiheit ohne eine 'Freiheit, jemandem lästig zu werden'."

In diesem Wikipedia-Beitrag werden selbstredend die Fälle Harvey Weinstein und Dietmar Wedel erwähnt: „Die Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber die Anmache oder das Anbaggern (i.O. la drague), das insistiert oder ungeschickt ist, ist kein Delikt wie auch die Galanterie keine machistische Aggression ist.“ Gerichte sollen darüber befinden (und haben darüber befunden), ob jemand strafwürdige Handlungen begangen hat. Im Geschlechterverhältnis habe ich selbst phasenweise fragwürdig agiert (siehe weiter oben); aber immer meilenweit entfernt von irgendwelchen strafwürdigen Haltungen.

Summa-summarum gehe ich so weit zu behaupten, dass die vorreflexive Affizierung evolututionsbezogen alternativlos ist. Die reflexive Auseinandersetzung als Handlungsvoraussetzung ist in einem zivilisierten, kulturgeschwängerten Kontext gleichermaßen alternativlos - auch wenn manche meinen, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt (wie sehr man dabei auf des Messers Schneide wandeln kann, wird in Kapitel 1 und in den Kapiteln 20-21 eindrucksvoll sichtbar.

Kommen wir noch kurz auf das Phänomen der kritischen Masse zu sprechen. Als vorreflexive Affizierung kommt sie gewiss häufiger vor, als dass sie auch handlungsmächtig würde; genau in diesem Sinne ist Sloterdijks oben geschilderter Reflex einzuordnen. Solche Phänomene bleiben in der Regel folgenlos – wie ein fernes Wetterleuchten. Dass sie eine Handlungsmacht hervorbringen – und zwar wechselseitig –, die nicht nur im Begehren und im Begehrensbegehren endet, sondern über ein langes Leben den Wunsch nach einer wechselseitigen Komplettberücksichtigung im Modus der Höchstrelevanz zur Folge hat, das ist eher singulären Charakters. Erst wenn dies wirklich gelingt – mit allen Höhen und mit allen Tiefen –, winkt jene Perspektive, an die ich im vierten Brief an Claudia mit Karl Jaspers erinnert habe (siehe: Die Mohnfrau, S. 120):

„Dann geht der Weg durch die Lebensalter. Die vitale Schönheit der Jugend schwindet dahin. Aber nun, in der lebenswährenden Erscheinung existentiell geprägt, liegt in der Schönheit des Alters mehr als nur die erinnerte Jugend. Es gilt Kierkegaards Satz: Die Frau wird mit den Jahren schöner. Aber es sieht nur der Liebende.“

Im Vergleich muss es sich wohl schal und fade anfühlen, wenn die letzte Phase der Leidenschaft, das Fürsorgliche Finale auf einmal in der Luft hängt, weil man sich des Fundaments beraubt und sich der Phasen  der Verzauberung – der dyadischen Verliebtheit – der klärenden Einschlüsse und Ausschlüsse – und der Intimen Dialoge nicht mehr erinnern mag. Die UrParabeln bleiben geborgen im gemeinsamen Weg, und alle Eskapaden verblassen im Zwielicht der Erinnerung.

Jedenfalls scheint mir eine der zentralen Schlussfolgerungen aus alledem zu sein, dass weder
im Krieg noch in der Liebe - und erst recht nicht in der Politik - alles erlaubt sein darf.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund