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RedHotChillyJupp - die dritte Episode: Wer wir sind

Ja, von vorne wie von hinten, von oben wie von unten, von rechts wie von links! RedHotChillyJupp präsentiert die dritte Episode seines Podcasts zu der Frage: Wer wir sind?

Um Gottes Willen nicht zu viel Theorie in einem Podcast – ja, Radio ist nicht Blog. Und dennoch: Im nachfolgenden Schlüsselsong Wer wir sind beziehe ich mich auf das Bild – eine Metapher – Klaus Theweleits, der von einer halbgeborenen Brut spricht. Ich habe angekündigt, mich immer wieder der Frage zuzuwenden, warum sich gerade so viele junge Männer rechtsextremistisch orientieren und organisieren. Dazu zwei einleitende Vorbemerkungen. Dann das programmatische Lied Wer wir sind mit einer anschließenden Hommage an Margot Friedländer, Tova Friedman und Leon Weintraub.

2020 stieß ich in der Ausgabe 10 der ZEIT auf einen Artikel Antonia Baums. Klaus Theweleits "Männerphantasien" stehen im Mittelpunkt dieses ZEIT-Artikels. Im Verlauf ihrer Ausführungen kommt es zu folgender Passage:

"Würde man einen Menschen als Baby und Kleinkind anbrüllen oder gar schlagen und würden dessen Bedürfnisse nicht adäquat beantwortet, etwa indem man es schreien lässt und ihm zu wenig Körperkontakt gibt (also exakt das, was auch die Top-Nazi-Pädagogin Johanna Haarer den deutschen Müttern empfahl und deren Tipps noch lange nach 45 befolgt wurden), dann ziehe es sich zurück und baue keine Beziehungen auf."

Antonia Baum arbeitet nun mit Klaus Theweleit die zentrale Argumentationsfigur heraus, nach der es bei alledem um die Konsequenzen eines Nicht-zu-Ende-geboren-Seins gehe. Statt Beziehung werde ein Panzer ausgebildet, um realitätstüchtig zu werden und das angsterfüllte, instabile Innere im Zaum zu halten. Das Nicht-zu-Ende-geboren-sein (die halbgeborne Brut) wird nun zu einem zentralen Erklärungsmoment! Klaus Theweleit dazu:

"Dadurch kann die Ich-Struktur nicht entstehen, also dass ich weiß, wo ich anfange und wo ich aufhöre. Deswegen findet der soldatische Mann Drill und Hierarchien so wichtig. Weil sie ihm Körpergrenzen verpassen. Er muss wissen, wo oben und unten ist, und wenn sich da was ändert, fühlt er sich bedroht, und im schlimmsten Fall fordert er, dass das, wovon er sich bedroht fühlt, entfernt wird. Und aus diesem Grund sage ich, Faschismus ist primär keine Ideologie, sondern ein Körperzustand. Die Ideologie ist Schwachsinn und als solcher nur aufgeklebt."

Wie kommt Klaus Theweleit zu dieser Annahme: Er hat die schriftlichen Erzeugnisse von Freikorpssoldaten aus den 1920er-Jahren untersucht. Dazu greift er auf literaturwissenschaftliche Unterscheidungen sowie auf Erkenntnisse der Kinderpsychoanalyse zurück. In einem knappen Überblick fasst Antonia Baum Theweleits Erkenntnisse zusammen:

"Theweleit fiel die durch und durch angstbesetzte Wahrnehmung des 'anderen Geschlechts' der Freikorpsmänner auf, die Frauen nur denken konnten als Huren, Mütter oder 'weiße Krankenschwestern', wobei die 'reinen', entsexualisierten Frauen als Beschützerinnen Deutschlands wider die rote Flut (Kommunismus) imaginiert wurden, während die 'Spartakistenweiber' umgelegt und kaputtgeschlagen werden sollten."

Antonia Baum las als Studentin in den "Männerphantasien" - eine Erstausgabe aus den Händen ihrer Mutter - und stieß auf eine unbekannte Art und Weise, über Faschismus zu sprechen:

Zitat: "Was ich las, kannte ich aus einem Teil der Familie, und darüber sprach dieser Teil garantiert nicht: Nicht über die Brutalität und Gnadenlosigkeit insbesondere der Männer gegenüber ihren eigenen Körpern auch in der zweiten Nachkriegsgeneration. Nicht über das 'Was dich nicht umbringt, macht dich nur noch härter', die Aufforderung mit dem Geflenne aufzuhören, die Begeisterung für einen Körper, der wie ein Instrument einsetzbar ist, und natürlich die Verachtung für alles, was typischerweise als weiblich und schwach gilt."

Es ist in dieser Hinsicht schon frappierend und schockierend zugleich, wie sich vor allem die „stabilen Jungs“ im sogenannten Vorfeld der AfD präsentieren – einmal ganz zu schweigen vom trade-wive-inspirierten neuen Frauenbild innerhalb der Rechten und vor allem auch der AfD.

Beiläufig erwähnt Antonia Baum, dass der Berliner Verlag Matthes & Seitz die "Männerphantasien", ergänzt um ein Nachwort des Autors) neu auflegt und bemerkt ihrerseits - um eine angemessene Kontextualisierung bemüht - dazu:

"Das Buch sei 'so aktuell wie nie' steht in der Neuausgabe, was insofern stimmt, als sich gerade etwa alle drei Monate ein Mann entschließt, andere Menschen aus rassistischen, antisemitischen Motiven zu ermorden. Zum Zeitpunkt des Terroranschlags in Hanau war dieser Text (für die ZEIT, Anm. WR) lange fertig, es hat also praktische Gründe, dass hier das antisemitische Attentat in Halle im Vordergrund steht, bei dem ein Mann loszog, um gezielt Juden umzubringen. Dabei bezog er sich auf die Verschwörungstheorie, eine 'jüdische Finanzelite' habe sich den Feminismus ausgedacht, um Frauen am Kinderkriegen zu hindern, was wiederum 'Massenimmigration' zur Folge habe. Jener Tätertypus, so Theweleit, setze die Landesgrenzen mit Körpergrenzen gleich. Aus genau diesem Grund tobe im Zentrum aller männlich-terroristischen Attentate der jüngsten Vergangenheit eine mörderische Antiweiblichkeit: Frauen weigern sich Kinder zu bekommen, oder haben zu schwache Herzen, um Migranten abzulehnen. Vielleicht ist es das, was Theweleit meint, wenn er sagt, die Ideologie sei bloß draufgeklebt: 'Es ist beliebig, wen der üblichen Verdächtigen sie verantwortlich machen für den Niedergang der Gesellschaft.

Ein letzter Hinweis, der uns als Eltern, Großeltern - und, Marcel Reif oder Margot Friedländer würden sagen, schlicht als Menschen in die Pflicht nehmen. Jürgen Habermas, der kürzlich verstorbene Philosoph, erinnert uns in seinem 2001 veröffentlichten Büchlein: Die Zukunft der menschlichen Natur auf Seite 64 an folgende Ausgangsbedingung aller menschlichen Existenz:

"Weil der Mensch in einem biologischen Sinne >unfertig< geboren wird und auf die Hilfe, die Zuwendung und Anerkennung einer sozialen Umgebung lebenslang angewiesen bleibt, wird die Unvollständigkeit einer Individuierung durch DNA-Sequenzen in dem Augenblick sichtbar, wenn der Prozess gesellschaftlicher Individuierung einsetzt. Die lebensgeschichtliche Individuierung (ich übersetze das hier schlicht einmal mit dem Begriff der Menschwerdung) vollzieht sich durch Vergesellschaftung. Was den Organismus erst mit der Geburt zu einer Person im vollen Sinne des Wortes macht, ist der gesellschaftlich individuierende Akt der Aufnahme in den öffentlichen Interaktionszusammenhang."

Es wird allerspätestens hier deutlich, welch enorme Verantwortung Familien, Kindergärten und Schulen zukommt; darüber hinaus aber einem filigranen und dichten Netzwerk zivilgesellschaftlicher Strukturen - über Vereine, NGOs, Institutionen aller Art, auch informeller Art: der Stammtisch, die Wandergruppe, Freundeskreise, Orte des sozialen Lebens schlechthin, von der Kneipe bis zum Treff in den Zonen öffentlichen Lebens, dem Supermarkt, dem Friedhof, dem Wochenmarkt. Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, entscheidet sich, ob wir einander anerkennen und wertschätzen oder ob wir einander missachten, ausschließen, gar radikal, kategorial abwerten, weil wir anders sind, und die anderen anders sind.

In diesem Sinne bilden die beiden Lieder Wer wir sind und Ein Jahr neigt sich dem Ende Schlüsselsongs in meinem gesamten Podcast-Unterfangen.

Damit ist auch die Nahtstelle markiert, die es mir mit Blick auf die künftigen Episoden erlaubt und nahelegtm mich mit Eva Illouz der Frage zuzuwenden, warum Liebe weh tut! Ich bin gespannt

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund