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Ep. 8: Podcast - Liebe, Neugier, Spiel

Liebe – Zugehörigkeit – Geborgenheit – lebenslanger Humus für erfolgreiches Leben und Lernen

Warum Liebe weh tut? Diese Frage erfährt in der achten Episode eine Wende, die sich aus den offenen Fragen ergeben, die uns seit der dritten Episode begleiten – immer verbunden mit der Frage, wer wir sind bzw. wer wir sein wollen. Die bei alledem bedrückendste Frage wird uns weiter beschäftigen: Warum es gerade junge Männer sind, die in die rechtsradikale Szene abdriften?

Zur Einführung der Versuch anhand einer ultraknappen Schilderung einer Szene aus Volker Kutschers zehntem Rath-Roman (Seite 66ff.) zumindest das Phänomen rechtsradikaler Einstellungen bis hin zu Exzessen buchstäblich zu begreifen – indem wir Beobachter werden: Scharführer Kramer lässt Zaunlatten verteilen und stimmt seine Hitlerjungen ein – mitten drin Fritze Thormann.

„>Hitlerjungen< – schwört Kramer – seine stabilen Jungs ein – >euer Dienst am deutschen Volk erschöpft sich nicht in weltanschaulichen Studien und Turnübungen. Nein, ein echter deutscher Junge handelt, und das tun wir heute. Es geht gegen den inneren Feind. Auf, Marsch, Marsch!<“

Nach einem halbstündigen Marsch erreichen sie einen Sportplatz und Kramer und Kramer bläst zur Attacke: „Hitlerjungen, wir befinden uns hier an einem deutschen Sportgelände, auf dem ein jüdischer Sportclub seine Fußballjugend trainieren lässt. Auf einem Platz, auf dem allein arische Jungen Fußball spielen sollten. Meint ihr nicht auch, dass es an der Zeit ist, den frechen Judenbengeln einmal zu zeigen, wo ihr Platz in Deutschland ist? Meint ihr nicht auch, dass wir den Itzigs eine Lektion erteilen sollten, die sie nicht vergessen werden? Seid ihr dazu bereit. >Jawooohl!< scholl es dem Scharführer aus drei Dutzend Kehlen entgegen.“

Was Kutscher nun inszeniert, ist der Versuch, Fritzes singuläre und isolierte Lage innerhalb einer rassenideologisch manipulierten und verrohten Jungenschar greifbar zu machen:

„Fritze blieb still. Er mochte es nicht, wenn es gegen die Juden ging. Hannah (die Liebe seines jungen Lebens) war jüdisch.“

Und dann nehmen die Geschehnisse ihren Lauf, so wie in diesen Jahren tausende und abertausende Male im faschistischen Nazi-Deutschland: „Wir sind die HJ Groß-Berlin, wir haben frohen Mut – und wenn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s nochmal so gut!“

Kutscher schreibt: „Fritze fühlte sich immer unbehaglicher. Er hasste dieses Lied. Es war kein typisches HJ-Lied […] Er öffnete die Lippen, um keinen Rüffel von Scharführer Kramer zu bekommen, blieb aber stumm, während die Kameraden den Text aus vollem Halse grölten.“

Ich schildere nunmehr nur eine kurze Szene, um das Geschehen anhand der mitgeführten Zaunlatten buchstäblich greifbar zu machen:

„Die Zaunlatte, die der Scharführer in beide Hände genommen hatte, traf den (jüdischen) Fußballtrainer ohne Vorwarnung. Kramer hatte ihm das Holz mit voller Wucht gegen die Schläfe gedonnert. Der Mann sackte zusammen und blieb auf dem Rasen liegen, Blut sickerte aus einer hässlichen Platzwunde über das Gesicht.“

Drei Dutzend Hitlerjungen attackieren in der Folge die jüdischen Jungen, die sich versuchen durch Flucht zu entziehen, mit ihren Zaunlatten. Fritze steht tatenlos am Rande und Volker Kutscher legt ihm folgenden inneren Monolog in den Mund;

„Fritze wäre am liebsten mit den jüdischen Jungen fortgelaufen. Er stand immer noch da, wo er inmitten seines halbherzigen Angriffs stehen geblieben war, und merkte, wie er zu zittern begann, obwohl er gar nicht fror. Beim Marschieren hatte sich die Hitlerjugend noch angefühlt wie eine zweite Familie, aber jetzt war es wieder offensichtlich: Er gehörte nicht dazu. Er konnte nicht dazu gehören, bei so etwas konnte er nicht mitmachen: Nicht gegen Wehrlose, nicht gegen Menschen, die überhaupt nichts verbrochen hatten. Gegen den inneren Feind gehe es, hatte Scharführer Kramer gesagt, aber wie konnte ein jüdischer Fußballverein, der sich an alle Gesetze hielt, der innere Feind sein?

Die frühen Forschungsbefunde der Exilanten um Theodor W. Adorno, die den von ihnen so genannten autoritären Charakter erforscht haben bis hin zu den aktuellen Studien Carolin Amlingers und Oliver Nachweihs – Zerstörungslust + Elemente des demokratischen Faschismus, werden uns weiterhin begleiten, um rechtsradikale Motive und Handlungsmuster zu beschreiben bzw. zu erklären.

Nähern wir uns nun wieder der Ausgangs-Frage, Warum Liebe weh tut. Dies geschieht heute gewissermaßen auf umgekehrte Weise; eine Vorgehensweise, für die an dieser Stelle einiges spricht, die aber in ihrer Reichweite und Tiefenschärfe auch nicht ausreichen wird, um die gestellte Frage zu beantworten und gleichzeitig verlässliche Hinweise zu liefern, wie man vor allem der Verrohung von Seele und Körper in der rechten Szene entgegenwirken kann. Klaus Theweleit spricht von einer „halbgebor‘nen Brut“ und beklagt das Scheitern einer vollständigen Menschwerdung. Das Volker Kutscher entlehnte Beispiel soll als Illustration für die massenpsychologische Verblendung und Verrohung einer ganzen Generation dienen.  

Jürgen Habermas hat grundsätzlich darauf hingewiesen, dass Menschwerdung in einem umfassenden Sinne mit der Aufnahme in den öffentlichen Interaktionszusammenhang einer geteilten Lebenswelt einhergeht. Von Martin Buber hatten wir die Pathosformel übernommen: Der Mensch wir am Du zum Ich! Dies wirft die Frage auf, welche Bedingungen denn gegeben sein müssen, damit der Mensch sich überhaupt zu einem sozialfähigen, solidarischen und empathischen Menschen entwickeln kann?

„Keineswegs ist das genetisch individuierte Wesen im Mutterleib, als Exemplar einer Fortpflanzungsgemeinschaft, >immer schon< Person. Erst in der Öffentlichkeit einer Sprachgemeinschaft bildet sich das Naturwesen zugleich zum Individuum und zur vernunftbegabten Person.“ (S. 64f.) Und wir fügen hinzu – zu eben jenem Menschen, der die Werte einer rechtsstaatlich fundierten und demokratisch gefestigten Gesellschaft verinnerlicht und zur Grundorientierung seines praktischen Handelns macht.

Ein Berufsleben lang haben mich diese aufgeworfenen Fragen begleitet. Für den heutigen Podcast greife ich – in radikaler Selbstbeschränkung - auf einen Aufsatz zurück, der 2025 in der ersten Ausgabe der Familiendynamik (Klett-Cotta) erschienen ist. Rainer Schwing, der Autor, hat ihm den Titel gegeben: „Liebe, Neugier, Spiel – Wie hält es die Systemische Therapie/Beratung mit den Emotionen.“

Ich gehe extrem selektiv vor und beschränke mich auf den Abschnitt, dem Rainer Schwing die Überschrift gibt: „Neurobiologische Grundlagen: Wir werden, was wir tun – Neuroplastizität als Voraussetzung für Lernen und Veränderung“.

Nebenbei bemerkt gerät Mea Voice mit unserem Titelsong Von vorne wie von hinten und dem daraus entkoppelten Jingle durchaus in den Fokus der folgenden Überlegungen: Rainer Schwing führt aus, dass Wiederholungen von Handlungen neuronale Systeme verstärkten. Es entstünden neue Synapsen, neue Fasern (Dendriten) und schließlich veränderten sich kortikale Aktivierungsmuster durch neue oder verstärkte Vernetzung der beteiligten Areale.

Zitat: „Die >adulte Neurogenese< (Neurogenese ist der faszinierende Prozess, bei dem aus Stamm- oder Vorläuferzellen neue Nervenzellen [Neuronen] gebildet werden), also die Neubildung von Neuronen. Diese Neurogenese muss als Korrelat für effektives Lernen und auch für psychische Gesundheit betrachtet werden: Sie ist in anregungsreichen Umgebungen und bei körperlicher Aktivität erhöht, bei depressiven Entwicklungen reduziert.“

Von vorne wie von hinten kann also als die Hymne betrachtet und gehört werden, die die geschilderten Zusammenhänge exemplarisch auf den Punkt bringt!

Rainer Schwing bezieht sich auf den Nobelpreisträger Eric Kandel, der zu dem Schluss komme, dass Lernen nie ein rein kognitiver Prozess sei, sondern deutlich verstärkt werde, wenn er vor allem durch positive Emotionen begleitet werde. Es ist also folgerichtig, wenn wir die Frage stellen müssen, welche Emotionen Veränderungsprozess stützen können, und wenn wir dabei die Neurowissenschaft zu Rate ziehen. Rainer Schwing betont die Bedeutung von vier emotionalen Einflusskomplexen: Furcht, Liebe, Neugier und Spiel. Konzentrieren wir uns in erster Linie auf die Liebe, um einer Beantwortung der Frage näher zu kommen, wie die Aufnahme in den öffentlichen Interaktionszusammenhang, hinein in die Sprachgemeinschaft optimal und nach bestem Wissen und Gewissen begleitet und gerahmt werden kann.

Rainer Schwing eröffnet die Ausführungen zur Liebe mit der Ergänzung:

Wir lernen, wenn wir in guten Beziehungen gehalten sind“ – und „Gegenseitige Förderung scheint (Über-) Lebensprinzip zu sein, das wir auf vielen Systemebenen betrachten und beobachten können.“

In dieser Logik ergeben sich höchst plausible und evidente Schlussfolgerungen: „Eine >warmherzige<, empathische und verlässliche Beziehung generiert einen maximal veränderungswirksamen Kontext.“ Für den therapeutischen Kontext z.B. folgt daraus die Betonung von Ressourcen und die Nutzung von Motiven der Klienten – und der reichhaltige Einsatz von Humor. Rainer Schwing führt den Begriff >Epistemic trust< ein:

„Er bezeichnet die Voraussetzung, dass in einer menschlichen Interaktion das Gesagte vom Empfänger als relevant und vertrauenswürdig eingestuft wird.“

Epistemic Trust (dt. epistemisches Vertrauen) ist die Bereitschaft, Informationen, die von anderen Menschen mitgeteilt werden, als vertrauenswürdig, generalisierbar und persönlich relevant zu akzeptieren. Es ist die grundlegende Fähigkeit, Wissen von anderen Menschen anzunehmen und in das eigene Weltbild zu integrieren.

Rainer Schwing fragt, wie sich die Verbindung von Liebe und Lernen herausgebildet hat und rekurriert zunächst auf die Tierwelt:

Alle Tiere, die in Gemeinschaften leben, müssen eine Lernzeit absolvieren. In dieser Zeit eignen sie sich von den Älteren überlebensnotwendige Fähigkeiten an. Das geschieht am besten in einer sicheren Bindung und unter liebevoller Fürsorge.“

Ich verzichte an dieser Stelle auf die Ausführungen zu den endokrinen, hormonellen Begleit- und Unterstützungsprozessen und folge Rainer Schwing in der Schlussfolgerung:

Unser Gehirn funktioniert besser, wenn wir uns wertgeschätzt und gehalten fühlen […] Sich selbst zu erkunden, auf Probleme zuzugehen, Schambesetztes auszusprechen, zu experimentieren und Neues auszuprobieren – all dies gelingt am besten in der Sicherheit einer guten Beziehung.“ Schwing geht noch einen Schritt weiter und führt aus, dass eine tragfähige, akzeptierende Haltung eine wichtige korrigierende Erfahrung sei, gerade dann, wenn Selbstwert und Selbstbild durch Beschämung, emotionalen Missbrauch und Herabsetzung beschädigt sei. Er spricht beispielsweise von fragmentierten Bindungserfahrungen. Im weitesten Sinne und in den extremsten Fällen taucht hier das auf, was Theweleit mit „halbgeborner Brut“ beschreibt.

Menschen veränderten sich schließlich nämlich dann am besten und am zuträglichsten, wenn sie sich als kompetent erleben und neugierig auf ihre bisher nicht gesehenen Ressourcen und Fähigkeiten werden.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die neuro-psychologischen Implikationen zurück. Am Ende seiner Ausführungen hält Rainer Schwing folgendes Plädoyer: Zitat:

„Je öfter wir ein neues Verhalten probieren, desto stärker werden die entsprechenden Gehirnverbindungen ausgebaut, exakt wie bei einem Muskel. Die vielleicht wichtigste Essenz ist bei all dem das Lernen am eigenen Erfolg. Nichts motiviert so sehr wie der eigene Erfolg […] Wir erzielen nachhaltiger Erfolge, wenn wir positive Gefühle aktivieren und zu Handlung und Aktivität einladen. Neue Lösungen werden dann besonders leicht entstehen, wenn Liebe, Neugier, und Spiel im Spiel sind.“

By the way: Ich bin ja unterdessen in meinem 75. Lebensjahr unterwegs. Zu meinem letzten Geburtstag im Februar habe ich die KI Suno geschenkt bekommen und schließlich das Equipment zur Betreibung eines eigenen Podcasts. Ich arbeite gerade eben die achte Episode aus; eine erfolgreiche Lerngeschichte, bei der ich mich unterdessen an meinem eigenen Erfolg – im dem Sinne, dass ich tatsächlich im höheren Alter noch etwas lernen und händeln kann – besaufe; immer aufgefangen und gestützt durch die vertrauensvolle und liebevolle Unterstützung meiner Familie und derer, die mir mit einem exzellenten Teamgeist hilfreich zur Seite stehen.

Und ganz zum Schluss ein knapper Verweis auf ein Gespräch, das Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur der ZEIT - 27/26, Seite 13-15) mit Sibel Kekilli geführt hat: Die geschilderten Erfahrungen Sibel Kekillis stehen für die hier dargelegten Zusammenhänge. Sie tun das in zweifacher Hinsicht: Sibel Kikelli erzählt über die Gewalterfahrungen in ihrer Familie und die Tatsache, dass Angst die ständige Hintergrundmusik ihrer Kindheit und Jugend gewesen sei: Wir lesen von ihr Sätze wie:

Es lohnt überaus, dieses gesamte Gespräch zu lesen. Dies in besonderem Maß, weil nun Sibel Kikelli der lebendige Beweis dafür ist, dass diese Erfahrungen und das Erleben von Gewalt, Missachtung und Herabwürdigung sie nicht ihrerseits quasiautomatisch zu einem negativen Gewaltmenschen haben entarten lassen. Ihre Lebensleistung, ihr Engagement zeigen, dass es möglich ist, einem negativen Lebensskript etwas entgegenzusetzen. Sibel Kikelli ist eine absoluter Hoffnungsträgerin, ein Leuchtturm in einer sich verdüsternden Welt.

Ihr ist der abschließende Song gewidmet, der im Übrigen zumindest vom musikalischen Genre her - eine so ganz andere Seite von RedHotChillyJupp zeigt. Der Text ist einer meiner frühesten und reflektiert meine eigenen Kränkungserfahrungen als unterirdischer Matheschüler – einem Lehrer hat es sehr gefallen, mir dies immer wieder zu spiegeln, indem er mich an der Tafel immer und immer wieder vorgeführt hat – als Mathe-Looser!

Ich genüge nicht