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Podcast Ep.10: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Zwischen unendlicher Liebe und unendlichem Schmerz

Volker Weidermann hat in der ZEIT vom 18. Juni 2026 (Ausgabe 27/26) seinen kleinen Beitrag zur „Jahrhundert-Schriftstellerin“ Ingeborg Bachmann mit der Überschrift versehen: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ und spricht von Ingeborg Bachmanns „Schreib- und Lebensüberzeugung“.

Die zehnte Episode knüpft in gewisser Hinsicht nahtlos an die neunte Episode an. Dieser neunten Episode hatte ich den Titel gegeben „Zwischen Liebe und Schmerz – Trauer ist heilsam, wenn sie auch einen lebendigen Kern hat“.

Die 1926 in Klagenfurt geborene Ingeborg Bachmann steht in der Folge als tragisches Exempel für ein dramatisches Scheitern in einer Welt der Doppelzüngigkeit und Doppelmoral. Volker Weidermann kommt zu der Überzeugung:

"Sie hat diese Spaltung, diesen Riss in sich selbst erlebt, hat bewusst erlebt und benannt, was die deutsche, die österreichische Gesellschaft nach dem Krieg beherrscht hat. Dieses Weiterleben nach dem Menschheitsverbrechen, als wenn nichts geschehen wäre. Diese Abspaltung der Schuld.“

Volker Weidermanns kurze Anmerkungen beginnen mit der Frage:

„Wo ist all die Gewalt geblieben, nach der totalen Niederlage, der Befreiung, dem Jahr 1945? Wo ist das hin, diese Lust der Menschen, zu foltern, zu töten, zu vergasen? Die Lust, Menschen auszusondern, die anders sind, anders sein sollen, sie in Viehwaggons einzupferchen und in den Tod zu schicken?“

Diese Fragen – so Volker Weidermann - hätten Ingeborg Bachmann ein Leben lang angetrieben – und die Furcht vor der Antwort darauf: „Denn sie wusste ja, dass diese Mordlust der Menschen nicht einfach verschwunden ist.“

Die Anknüpfung an die vorausgegangene neunte Episode bezieht sich auf eine überaus interessante These Friedrich Nietzsches. In seiner überaus lebendigen und bildhaften Sprache weist er in seiner kleinen Schrift Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben darauf hin, dass es gelte, eine überlebenstaugliche Balance zu finden zwischen der unruhigen Schlaflosigkeit und dem Widerkäuen vor Ereignissen, von Erlebtem auf der einen Seite und einem Grad des heilsamen Vergessens auf der anderen Seite, damit das Vergangene nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen werden soll. Dazu müsse man aber zumindest wissen, "wie groß die plastische Kraft eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur sei; jene Kraft, aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen".

Ich muss zugeben, dass ich über alle Maßen staune, wie präzise Friedrich Nietzsche hier etwas benennt, was sich im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs unserer Gesellschaft als Gretchenfrage erweist: Ja, wie hast Du’s mit der Religion wandelt sich zu der Frage: Wie hältst Du’s mit der Erinnerungskultur. Der Filmemacher Stephan Lamby hat in Sachsen-Anhalt, wo es mit Ulrich Siegmund erstmals einen aussichtsreichen Kandidaten der AfD für das Amt des Ministerpräsidenten gibt, deren Parteitag besucht. Ich zitiere ihn:

„Im Entwurf (des Regierungsprogramms, ANM. RHCH) stand noch, es müsse Schluss sein mit >der Perpetuierung einer Neurose<. Einem Delegierten gefielen die Fremdwörter nicht. Am Ende hieß es, man sei gegen die >Verewigung eines Schuldkomplexes<. Stephan Lamby stellt im Übrigen die Frage, ob man denn in einem solchen Land leben wolle: „Ohne funktionierende Krankenhäuser, ohne Pflegedienste, ohne Erinnerung an die NS-Verbrechen.“

Sogenannte AfD-Intellektuelle scheuen sich gewiss nicht, Friedrich Nietzsche zu ihrem Kronzeugen zu machen, insofern sie unverhohlen – und ideologisch motiviert – nur den halben Nietzsche hören wollen, indem sie gebetsmühlenartig vortragen, dass das Vergangene nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen werden dürfe – weg mit dem Schuldkomplex – weg, so der Westentaschen-Führer Björn Höcke, mit dem Denkmal der Schande im Herzen Berlins.

Friedrich Nietzsche hingegen betont:

„Je stärkere Wurzeln die innerste Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen […] alles Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran-, in sich hineinziehen und gleichsam zu Blute umschaffen.“

Klar: wir formulieren dies heute mit weit weniger Pathos und sehr viel nüchterner:

Über eine, von Generation zu Generation immer wieder zu erbringende Assimilations- und Integrationsleistung müssen wir die Balance finden, die gleichermaßen lebendige Erinnerung wie heilsames Vergessen ermöglicht.

Tragisch erscheint es, wenn genau dies nicht gelingt, denn es gebe – so Nietzsche – Menschen, die diese Kraft so wenig besitzen, „daß sie an einem einzigen Erlebnis, an einem einzigen Schmerz, oft zumal an einem einzigen zarten Unrecht, wie an einem ganz kleinen blutigen Risse unheilbar verbluten“.

Die Huldigungen in der zitierten ZEIT-Ausgabe Ingeborg Bachmann gegenüber zeigen sie – jene als „Jahrhundertschriftstellerin“ in den Olymp aufgestiegene, 1973 im Alter von 47 Jahren ihren schweren Verbrennungen erlegene gleichermaßen faszinierende wie irritierende Frau – als einen dieser Bluter, die nicht heil werden, die nicht genesen können.

In Ingeborg Bachmanns Leben türmt sich die Mitgift zu einem nie zu bewältigenden Gebirge auf – vom geliebten Tätervater über toxische Männer bis hin zu einer unerträglich empfundenen Last der Schuld:

Ingeborg Bachmann sagt selbst dazu: „Seit ich begreifen musste, dass 1945 kein Datum war, was wir so gern glauben möchten, um uns beruhigt schlafen zu legen.“ Volker Weidermann merkt an, dass dieses Begreifen und die stetige Furcht davor der Antrieb für ihr Schreiben gewesen seien. Und die von Weidermann beobachtete „Doppelgesichtigkeit“ hat Ingeborg Bachmann offenkundig zutiefst geprägt und zerrissen:

„Der geliebte, strenge, liebevolle Vater war ein überzeugter Nationalsozialist gewesen. Sie hat diese Spaltung, diesen Riss in sich selbst erlebt, hat bewusst erlebt und benannt, was die deutsche, die österreichische Gesellschaft nach dem Krieg beherrscht hat. Dieses Weiterleben nach dem Menschheitsverbrechen, als wenn nichts geschehen wäre. Diese Abspaltung der Schuld.“

Anmerkung: Der Begriff und die Etikettierung „toxische Männer“ steht unter Vorbehalt: Ingeborg Bachmann hat – wenn auch verdeckt – in ihrem einzigen Roman Malina die Liebesbeziehung zu Paul Celan als singulär beschrieben: „Er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“ Und Jolinde Hüchtker schildert die damit verbunden Tragik in der zitierten ZEIT-Ausgabe durch folgende kurze Anmerkung: „Dass die beiden trotzdem nie lange zueinanderfinden, liest Andrea Stoll (eine ihrer Biografinnen) heute auch als ein Ringen mit der Unmöglichkeit, nach 1945 als Opfersohn und Tätertochter zusammenzuleben.“

Insofern geht man gewiss nicht zu weit, wenn man Ingeborg Bachmann jene Bluteraffinität zuschreibt, die Friedrich Nietzsche schon vor mehr als 150 Jahren als tragische Verstrickung aufgedeckt hat – als Verstrickung von Unschuldigen in die transgenerationale Schuld von Eltern und Gesellschaft.

Ich frage noch einmal mit Stephan Lamby: Wollen wir in einem Land leben, in dem Höcke und seine Gesinnungsgenossinnen den Ton angeben? Wer das in irgendeiner Weise in Erwägung zieht, dem sei der nun folgende Song anempfohlen, mit dem RedHotChillyJupp deutlich macht, dass keine Stimme für die AfD die einzige Alternative darstellt zu einer moralisch doppelzüngigen und historisch zutiefst ungebildeten Mischpoke um Höcke, Krah, Weidel, von Storch und wie die hirnverbrannten IdeologInnen auch alle heißen mögen, die nur die eine Seite Nietzsches in ihr Schrumpfhirn lassen wollen.

Und zum Henker: Es geht in der Tat nicht um unsere Schuld, um die Schuld der Kriegskinder und Nachkriegskinder. Aber wir haben doch die gottverdammte Verpflichtung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem, was wir zu Recht die Menschheitskatastrophe schlechthin nennen. Die Barbarei des Nationalsozialismus, die Menschen nicht nur kategorial zu Ungleichen gemacht hat, sondern die die Ungleichen der industriellen Massenvernichtung zugeführt hat, muss menschheitsbegleitend in unserer Erinnerung gegenwärtig bleiben – allein schon um des Nie Wieder Willen. Wer die Alternative für die Dummen wählt, kommt um Arschlöcher wie Höcke und Krah nicht herum. Sie sitzen wie die Maden im parlamentarischen Speck und arbeiten mit Nachdruck daran, dass wir diese, unsere Republik nicht mehr wiederkenne werden, sollten sie an die Hebel der Macht dieser Republik kommen. An ihre Fleischtöpfen sitzen sie ja schon seit geraumer Zeit. Besinnt Euch, bevor der Krah zum letzten Mal kräht.

Hier kräht der Krah!

Für die ganz und gar hartgesottenen hat RedHotChillyJupp dann noch einen besonderen Leckerbissen: Zum Schluss wenden wir uns der Frage zu: Wie kann das sein? Fragt euch alle:

Wie kann das sein???

Euer RedHotChillyJupp

   
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