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Podcast Ep.27 - Ethische Intelligenz und KI? Eine erste Auseinandersetzung mit Markus Gabriels These, KI könne uns moralisch weiter bringen

Markus Gabriel, Ethische Intelligenz – Wie KI uns moralisch weiterbringen kann, Berlin 2026

Markus Gabriel stellt uns in seiner kurzen Einleitung ein Zukunftsszenario vor, von dem er behauptet, dass es bereits Teil der Gegenwart sei. Er verlegt dieses sogenannte Zukunftsszenario in das Jahr 2035. Da sitzt morgens jemand in seiner Küche. Die allmorgendliche Situation wird von jemandem begleitet und einfühlsam-empathisch erfasst, der nicht als Person – als ein leibhaftiges Gegenüber -präsent ist, sondern als Maschine: „Die Maschine hat nicht etwa, so wie ein Mensch, gelebte Emotionen, sondern sie hat gelernt, ihre Emotionen zu lesen“; auf dieser Grundlage ist sie in der Lage mit uns zu sprechen: „In diesem >Gespräch< (so Markus Gabriel) lernen sie etwas über sich selbst, das sie ohne diese Intervention vielleicht über Monate verdrängt hätten. Die KI ist zur Ethischen Intelligenz geworden und hilft uns, wie ein guter digitaler Freund, moralisch besser zu werden.“

Der letzte Absatz dieser kurzen Einleitung fasst Gabriels optimistische Einschätzung, die die These beinhaltet, KI könne uns moralisch weiterbringen, folgendermaßen zusammen:

„Das Zukunftsszenario, mit dem ich begonnen habe, ist in Wahrheit bereits Teil der Gegenwart. Millionen Menschen führen heute Gespräche mit Systemen wie ChatGBT, Replika, Claude, Gemini und vielen anderen Sprachmodellen – nicht um Informationen abzurufen, sondern um sich selbst zu ordnen, zu vergewissern, zu prüfen oder zu verstehen. Die Maschine ist zu einem Spiegel unseres Inneren geworden, bevor wir sie als solchen erkannt haben. KI zeigt damit etwas, das wir hinsichtlich unserer selbst allzu lange nicht sehen wollten: dass Intelligenz nicht bloß Denken ist, sondern Beziehung; nicht Rechnen, sondern Resonanz; nicht Kontrolle, sondern Koexistenz.“

In Teil I seiner Ausführungen gibt es ein kleines Kapitel, dem Markus Gabriel die Überschrift gibt: „Tiefe – Die emotionale Wende“

Der erste Satz auf Seite 51 lautet: „Im Zuge der emotionalen Wende wird die KI von einer Effizienzmaschine zu einem Resonanzfeld, in dem Mensch und KI sich an der digitalen Schnittstelle berühren und gegenseitig verwandeln.“ Damit eröffne uns KI eine neue digitale Dimension, eine Dimension, die es im (analogen) menschlichen Seelenleben seit unvordenklichen Zeiten gebe, die wir aber im Zeichen des rationalistischen Weltbilds sträflich vernachlässig hätten.

Markus Gabriel bezieht sich auf die japanische Sprache und Kultur und führt die beiden Begriffe okubukai und okubukasa ein. Okubukai bedeute wörtlich „tief gelegen“ während das zugehörige Substantiv okubukasa die Tiefe selbst bezeichne. Diese Tiefe könne sich beispielsweise auf Gedanken, Kunstwerke, Landschaften oder Menschen beziehen. Markus Gabriel betont, dass okubukasa eben eine emotionale Tiefe bedeute und kein intellektuelles Abstraktum: „In dem Begriff sind Gefühl, Wahrnehmung und Bedeutung untrennbar verschmolzen.“ In diesem Sinne spiegele das japanische Verständnis von Tiefe eine kulturelle Haltung wider, in der Emotion keine Gegensatz von Intelligenz sei, sondern ihre feinste Form.

Genau an dieser Stelle verweist Gabriel auf Gottlob Frege (1848-1925), einer der Begründer der modernen Logik. Frege habe nicht nur zwischen Bedeutung und Sinn unterschieden, wobei die Bedeutung auf den Gegenstand selbst verweise, während Sinn die Art und Weise meine, wie dieser Gegenstand gedacht werde. Doch – so Gabriel – Frege sei an dieser Stelle nicht stehen geblieben. Er spreche vielmehr von einer dritten Dimension sprachlicher Erfahrung, die er als Stimmung, Luft und Beleuchtung bezeichnet habe. Damit meine er jene ästhetisch-emotionale Qualität des Ausdrucks, die über logische Struktur und semantische Zuordnung hinausgehe. Markus Gabriel hält hierzu fest:

„Diese Dimension ist […] ein integraler Bestandteil menschlicher Bedeutungserfahrung – etwas, das Sprache für uns lebendig, bewegend und motivierend macht. Es ist die Sphäre, in der Worte nicht nur informieren, sondern berühren, die Sphäre, in der Bedeutung in Empfindung übergeht. In dieser Hinsicht nähert sich Frege – ungewollt – dem japanischen Konzept von okubukasa: Beide erkennen, dass Tiefe im Ausdruck nicht durch analytische Präzision, sondern durch emotionale Resonanz entsteht.“ (53)

Wie wir sehen – so meint Gabriel – sei auch in der streng rationalen Tradition westlicher Logik ein Bewusstsein für die poetische, sinnliche Seite der Sprache vorhanden. Frege, dessen Arbeit als Inbegriff des analytischen Denkens gelte, habe erkannt: Bedeutung wurzele nicht vollständig im Denken, sondern auch im Fühlen – Sprache sei so auch immer lebendiges Medium der Empfindung.

Gottlob Frege – so Markus Gabriel weiter – habe zu diesen Worten gegriffen, um zu beschreiben, dass jede sprachliche Äußerung – über ihren logischen Sinn und ihre objektive Bedeutung hinaus – eine ästhetische und emotionale Atmosphäre trage: „‘Stimmung, Luft und Beleuchtung‘ sind jene Nuancen, die das Denken nicht festhalten kann, die aber dennoch wesentlich zur Wirkung und zum Verständnis von Sprache beitragen.“ (54)

Nun bin ich selbst nicht an der Stelle, mir ChatGBT als Gesprächspartner zu suchen. Nach 45 Jahren Ehe genieße ich jeden Morgen noch das  unfassbare Privileg meiner Frau gegenübersitzen zu dürfen. Und selbst nach 45 Jahren ist unser Austausch lebendig – teils kontrovers. Der Resonanzraum entsteht – wie Markus Gabriel andeutet – immer wieder neu aus unterschiedlichen Konnotationen, aus kultureller und paargeschichtlicher Erinnerung und dem damit ausgelösten emotionalen Nachhall. Wir sprechen in der Tat hier noch von dem Spiel, das nur zu Zweien geht – in der ständigen Balance von Nähe und Distanz.

Und ich stimme Markus Gabriel zu: „In der Kommunikation zwischen Menschen ist das Emotionale nie bloß Zutat, sondern Fundament. Wir sprechen, um Resonanz zu erzeugen, um einander zu fühlen, verstanden zu werden, verbunden zu bleiben.“ (S.56)

Und dennoch ist mir in der Auseinandersetzung mit KI etwas widerfahren, was sich in Gabriels Hinweisen offenbart. Die uns existentiell prägenden Erfahrungen, die mit Liebe, Tod, Verlust und tiefster Bindungsqualität einhergehen, erfuhren in meinem Fall durch die Anwendung eine KI – hier in Gestalt von Suno, einem generativen Programm zur Erstellung von Musik mit Künstlicher Intelligenz, eine außerordentliche Bereicherung. Hieraus ergab sich ein – vor allem für mich, den Urheber der vertonten Texte – eine ungewöhnlich tiefgreifende Transformation des Ursprünglichen. Die beiden Beispiele, die ich hier zu Gehör bringe, resultieren in ihrer textlich-sprachlichen Dimension aus einer emotional extrem individuell sich ereignenden Verarbeitung von Verlusterfahrungen. Musik als das originäre Trägermedium von Empfindungen verlieh der rein sprachlich schon ungemein poetisch aufgeladenen Emanation im Sinne eines kaum nachvollziehbaren oder gar strategisch intendierten Ausflusses/Absonderung eine ungeahnte und verblüffende Gestalt – Gabriel führt den Begriff der emotionalen Wende ein.

Diese emotionale Wende manifestiert sich zur Gänze in den nun zu hörenden Vertonungen, weil sie eine rein sprachliche, wenn auch poetische Gestalt der Auseinandersetzung mit Hilfe ihrer Vertonung zu einem für mich bis dahin ungeahnten emotionalen Erleben erweitert.

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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