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Selbstreferenz

Nach mehr als 600 Beiträgen in meinem Blog zeigt sich ein Phänomen, dass man mit dem Begriff der Selbstreferenzialität umschreiben kann. Selbstreferentielle Systeme leiten ihr Handeln aus ihren eigenen Beobachtungen, Erfahrungen und Bewertungen ab, was wiederum zu neuen Handlungen führt. In ihren Prozessen beziehen sie sich nur auf sich selbst. Sie reagieren nur noch auf Veränderungen in ihrem eigenen System. Die Ressourcenschöpfung allerdings ist unabhängig davon zu betrachten. So tauchen in den beiden folgenden Blog-Beiträgen eine Reihe von Verlinkungen auf, die ihrerseits darauf hinweisen, was dem Beobachter, dem handelnden Subjekt einerseits unverhofft und eher zufallsbedingt begegnet und was ihm andererseits wichtig bzw. erkenntniserweiternd erscheint. Alte Menschen bewegen sich vorwiegend in einem Spannungsraum, der sich grundlegend aus Erfahrungen mit unserer Endlichkeit - also aus abschiedlichen Perspektiven - speist. Hat man als alter Mensch Glück, erweist sich der Spannungsraum wahrhaftig als solcher und man erfährt Generativität in Gestalt zur Welt kommender Enkelkinder. Im Verlauf der endenden Woche offenbarte sich dieser Spannungsraum mit dem erzwungenen Abschied von Rudi und der erhofften Geburt unseres vierten Enkelkindes. In den sich aufdrängenden Referenztexten zeigt sich nun, wie sehr meine Wahrnehmung als junger Alter von abschiedlichen Perspektiven geprägt wird. Auf der anderen Seite halten meine Enkelkinder den Raum auf Spannung, insofern wir das Glück haben, im familiären Erleben nicht nur abschiedliche, sondern auch aufbrechende Perspektiven in Gestalt unserer Enkelkinder zu erleben.

Dankbar

Die Intensität eines Erlebens hängt wohl zentral mit der Nähe zusammen, aus der heraus man etwas erlebt. Dies mag so weit gehen, dass man mit der Nähe unter Umständen jeglichen Abstand verliert. Dirk Baecker (Heidelberg 2008, Seite 632f.) hat einmal in Anlehnung an Karl E. Weick und James G. March mit Blick auf die Wirklichkeit festgehalten, sie entspreche in der Regel ja nie den klaren Sachordnungen, von denen wir alle träumten. Da sei es entscheidend, wie man mit Nähe und Distanz umgehe. Dirk Baecker geht sogar soweit zu behaupten, dass jemand, der sich in bestimmten Situationen fest koppeln lasse, wer sich also beispielsweise für Nähe oder Ferne so entscheide, als gäbe es diese in der Form einer eindeutigen, sich wechselseitig ausschließenden Alternative, zwangsläufig verrückt werden müsse.

Wir müssen also entscheiden: Das ist >nahe genug<. Es gehe - so Baecker - zweifellos um die Kunst des Abstands. Es sei in der Tat eine Kunst, die mit der Distanz, mit der Differenz, mit dem Unterschied beginne und sich von dort aus die Verhältnisse anschaue, um sich dann in ihnen und mit ihnen zu entscheiden. Es handele sich um eine Kunst, die in der Lage sei, jede Einheit der Beziehung zu übersetzen und aus der Beziehung heraus zu variieren:

Dirk Baecker redet von einer Kunst: ">Nahe genug< ist mir das, wozu ich einen Abstand suche, weil ich die Beziehung nicht aufkündigen möchte. Ich übersetze feste Kopplung in lose Kopplung, rechne nicht mit Zukunft, sondern mit der Gegenwart, und weiß, dass die Wahrheit Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen."

Lassen sich Situationen vorstellen, in denen der Abstand - ohne unser Zutun - auf ein Minimum zusammenschrumpft - allenfalls noch Körpergrenzen wahrnehmen und respektieren kann bzw. muss? Ich bewege mich im Aufschreiben meiner Überlegungen in solchen Grenzsituationen, ohne auch nur annähernd in der Lage zu sein, diesen Wirklichkeiten mit ausreichender bzw. angemessener Sprachmächtigkeit zu begegen.

Kommt, reden wir zusammen -
wer redet, ist nicht tot!

Du wusstest wohl: es züngeln doch die Flammen
schon sehr um Deine Not – und hast mir zugerufen:
Kommt öffnen wir die Lippen,

so nah schon an den Klippen
in Deinem schwachen Boot.
Nur wer redet, ist nicht tot! (immer auch für Rudi - hinzugefügt am 24.02.2024)

Carlottas Auftrag - Ein Buch von Julia Jawhari

Wir alle haben einen Lebensauftrag - Unser Neujahrstag mit Carlotta (der Tag, an dem Ulrich Beck verstarb)

Wir sind sehr spät an diesem Neujahrstag 2015 aufgestanden - für unsere Verhältnisse ungewöhnlich spät. Wir gönnen uns ein ausgedehntes Frühstück, besuchen Lisa, Claudias Mutter, meine Schwiegermutter, die Großmutter von Laura und Anne auf dem Heyerberg, beglücken sie mit Christstollen. Sie bedankt sich sehr herzlich und wünscht uns ein gutes neues Jahr. Wir unternehmen zum zweiten Mal einen ausgedehnten Spaziergang über den Heyerberg - ohne unsere Biene. Auf dem Weg nach Hause besuchen wir Leo auf dem Gülser Friedhof. Dort begegnen wir Rebecca und Berti, der sich vor einem 10wöchigen Schiffstripp rund um Südamerika verabschiedet; wir begegnen Gülsern, die wir nur vom Sehen kennen, wünschen Ihnen ein gutes, neues Jahr, nehmen Neujahrswünsche entgegnen und freuen uns auf einen Kakao vor dem Kamin - und vor allem auf die zweite Runde zu "Carlottas Auftrag" (von Julia Jawhari: BoD-Books on Demand, Norderstedt: ISBN: 978-3-7386-0314-9).

Sophie Auster ... Ich bin Agnostikerin

Mit wem unterhalte ich mich heute morgen? Klar - privilegiert wie ich bin - immer zuerst mit meiner Frau. Die liest mir heute morgen einen Brief vor, mit dem ein alter Bekannter sein bedauernswertes Schicksal über die letzten zehn Jahre Revue passieren lässt - kaum auszuhalten, kaum vorstellbar, wenn man relativ gesund ist; zumal wenn erinnert wird an gemeinsame Schi-Exkursionen, verbunden mit einem Erinnerungsleuchten, das eindeutig von besseren Zeiten zeugt. Nun gehe ich meinen alltäglichen Ritualen nach, wozu auch das kursorische Sichten der aktuellen ZEIT-Ausgabe gehört: >"Es flattert in mir" - Die Künstlerin Sophie Auster hat gerade ihren Vater, ihren Bruder sowie ihre Nichte verloren - und ein Kind zur Welt gebracht. Wie schafft sie es, glücklich zu sein, während sie den Verlust ihrer Lieben noch nicht fassen kann.<

Höre mir eben 

Sophie Auster (eine weitere Hörprobe) ist ein paar Wochen älter als meine älteste Tochter. Sie hat vor 18 Monaten ihren Sohn Miles auf diese Welt gebracht. Sie vermag den Bogen zu spannen von den tiefgreifendsten Verlusterfahrungen zur Tatsache, dass sie Mutter des 18 Monate alten Enkels ihres Vaters ist. Der Verlusterfahrung gegenüber bleibt Sophie Auster skeptisch, was ihre Verarbeitung anbelangt:

"Die Menschen reden immer von Verarbeitung, aber was ist das eigentlich genau? Bei mir war da erstmal nur ein Schock. Bis heute. Der nimmt so viel Raum ein, dass wenig anderes entsteht. Es fühlt sich immer noch nicht real an. Wenn dann Feiertage oder Geburtstage kommen, dann haut die Realität um, und du merkst, die Person ist wirklich nicht mehr da." Und ob sie denn überhaupt trauern konnte? "Es fiel mir schwer. Vor allem war es schwer, meine Art der Trauer mit Menschen zu teilen. Trauer ist so unterschiedlich, und sie nimmt ständig eine andere Gestalt an. Ich erinnere mich an einige sehr manische Momente, auf eine Art auch hysterisch, es flatterte in mir. Ich wusste nicht, wie ich mit dem, was passierte, umgehen sollte. Manchmal dachte ich: Wie soll ich den Rest meines Lebens ohne diese Person existieren? Und dieses Gefühl geht nicht weg. Es verändert sich."

Im Rahmen des Interviews gibt es ein paar erläuternde Hinweise:

   
© ALLROUNDER & FJ Witsch-Rothmund
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