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In: Die schönsten deutschen Kindergedichte, gesammelt von Herbert Heckmann und Michael Krüger (Carl Hanser Verlag, Müchen 1974) habe ich Bertolt Brechts Wiegenlied entdeckt. Ein schönes Wiegenlied - oder soll man Herbert Heckmann und Michael Krüger Zynismus unterstellen. Ich habe es aktualisiert und eine Frage gestellt - die entsprechenden Strophen sind hier grün unterlegt.
Bertolt Brecht - Wiegenlied - versehen mit Fragen
Mein Sohn, was immer auch aus dir werde:
sie steh'n mit Knüppeln bereit schon jetzt.
Denn für dich, mein Sohn, ist auf dieser Erde
nur der Schuttablagerungsplatz da, und der ist besetzt.
Mein Sohn laß es dir von deiner Mutter sagen:
Auf dich wartet ein Leben schlimmer als die Pest,
aber ich hab dich nicht dazu ausgetragen,
daß du dir das einmal ruhig gefallen läßt.
Was du nicht hast, das gib nicht verloren,
was sie dir nicht geben, sieh' zu, daß du's kriegst.
Ich, deine Mutter, hab dich nicht geboren,
daß du einst des Nachts unter Brückenbögen liegst.
Vielleicht bist du nicht aus besonderem Stoffe,
ich habe nicht Geld für dich noch Gebet
und ich baue auf dich allein, wenn ich hoffe,
daß du nicht am Stempelstellen lungerst und deine Zeit vergeht.
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"Ich hätte nichts dagegen, wenn ich stürbe"
Am 18.1.1933 erschien von Erich Kästner in der Neuen Leipziger Zeitung Alter Herr (Erich Kästner war selbst noch keine 33 Jahre alt). In Erich Kästner - Werke (Herausgegeben von Franz Josef Görtz im Carl Hanser Verlag, München 1998) wird die zweite Strophe folgendermaßen wiedergegeben (Seite 352 im Band Gedichte):
Ich war ein Kind wie ihr. Nun bin ich mürbe.
Wer lange lebt, hat eines Tags genug.
Ich hätte nichts dagegen, wenn ich stürbe.
So müde bin ich! Andre nennen's klug. Die letzte Strophe lautet:
Und nun kommt ihr. Ich kann euch nicht vererben.
Ich kann nicht helfen, und ich möchte sterben.
Macht, was ihr wollt. Doch merkt euch dieses Wort:
Vernunft muß ein jeder selbst erwerben,
und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort!
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Für einen Freund
Martin Buber hätte sich besser an Albert Einstein und Sigmund Freud gewandt - auch deren Erkenntnisse klingen bitter, aber eben nicht zynisch wie im Folgenden die Empfehlungen Gandhis an Martin Buber.
Seit dem Februar 2022 führen uns die Kontroversen um den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Dabei räume ich gerne ein, dass ich mich vermutlich - summa summarum - weiter auf meinen Freund zubewegt habe als umgekehrt. Inzwischen geht es mir überwiegend nur noch um die Dilemmata, die sich zwischen extremen Positionen eines radikalen Pazifismus und dem legitimen Recht auf Selbstverteidigung ergeben. Tief bin ich in den ideologischen Marianengraben eingestiegen und bin zu dem Ergebnis gelangt, dass Carl Schmitt über Immanuel Kant obsiegt. Heute lass ich schreiben. Ich werde zitieren aus: Heribert Prantl - Den Frieden gewinnen - Die Gewalt verlernen (Heyne Verlag, München 2024).
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Tempora mutantur, nos et mutamur in illis - Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen“
Der Freund sendet mir: Richard David Precht erklärt uns die Geschichte. Und er hat Recht. Die Osterweiterung der NATO hat in Russland zu einem neuen Nationalismus und Revanchismus geführt. Precht führt uns zurück an den geschichtlichen Wendepunkt, an dem das Sowjetimperium zerbricht und sich die Welt neu zu ordnen beginnt.
Die Russische Föderation ist der Rechtsnachfolger der Sowjetunion. Im Jahr 2020 wurde dies durch eine Verfassungsänderung endgültig festgelegt. Im Gegensatz zu Deutschland war die Sowjetunion (da als Siegernation aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen) – so wie die Russische Föderation im Zuge der Westverschiebung der Grenzen der einzige wirkliche geopolitische Nutznießer der Neuordnung. Von einem Gewaltverzicht und von einem Verzicht auf Gebietsansprüche, wie sie von der Bundesrepublik Deutschland 1991 vertraglich erneut besiegelt wurden, war und ist die Sowjetunion und ihr Rechtsnachfolger Galaxien entfernt. Richard David Precht hat ja Recht, wenn er von einem neuen Nationalismus und Revanchismus in Russland ausgeht. Man kann geneigt sein, den Niedergang und das Auseinanderbrechen der UdSSR in einen milden, abgeschwächten Vergleich zu setzen mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945. Auf welcher Rechtsgrundlage also nimmt Russland in Anspruch, die Souveränität der Staaten (und ihr Recht auf vertraglich zugesicherte Autonomie), die aus dem Zerfall der Sowjetunion hervorgingen, in Frage zu stellen?
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Sonett für Mascha Kaléko
Denk ich der Tage, die vergangen sind,
Und all des Lichtes, das aus uns strahlte,
Da Zuversicht und Glaube Bilder malte,
Und aus goldnen Fäden unsere Zukunft spinnt.
Denk ich, wie Träume damals in uns ras(t)en,
Wie wir im Rausch entwarfen unser Land
Ganz zielgewiss mit starker Hand,
Das Land, zu dem die Braunen immer schon den Weg vergaßen.
Lasst uns als Wächter stehen vor den Toren
Und ringen wir um das, was falsch ist und was wahr.
Blau sei nur der Himmel, vertreiben wir die braune Schar;
Damit das Licht, das Licht in uns nicht geht verloren.
Nicht nur im Traume soll es glühn und funkeln.
Kein brauner Sumpf soll unsern Horizont verdunkeln.
Horst Krüger leitet den dtv-Band: Mascha Kaléko - Die paar leuchtenden Jahre (München 2003) mit eigenen Erinnerungen ein: Meine Tage mit Mascha Kaléko. Auf 366 Seiten vereinigt diese Veröffentlichung Texte von Mascha Kaléko. Im kurzen Vorwort von Gisela Zoch-Westphal verwendet sie den Begriff der Gebrauchslyrik: "Als solche wurden Mascha Kalékos Gedichte hier und da etwas von oben herab abgestempelt. Gebrauchslyrik - einverstanden. Ich brauche sie - zum Leben. Meine eigene geplante Veröffentlichung - Das lyrische Klärwerk - wird die Gattung der von Erich Kästner und Mascha Kaléko begründeten Gebrauchslyrik in alten und neuen Kontexten wiederbeleben. Aber zurück zu Horst Krüger. Im Frühherbst 1974 verbringt er mit Mascha Kaléko "drei ruhelose Tage, unvergeßlich". Aus seinen Erinnerungen gebe ich folgende Eindrücke wieder: